Bumm ...

 

 

und die Welt ist plötzlich anders  

 

http://heliopathie.wordpress.com

von Bernhard Luger

 

 

Anfang Oktober waren wir in Bukarest eingeladen, um dort in der Praxis eines befreundeten Arztes, Catalin, mit und bei dem wir seit  2009 sehr viele Kranke mit unseren Methoden – Sonnenheilmittel und Hände auflegen – behandelt  haben,  eine Schwerpunktwoche für Heliopathie, Hände auflegen und unsere neuen hyperenergetisierten Heilstäbe  zu machen.

 Ziel unserer Reise nach Bukarest war aber eigentlich, mit Catalin Pläne für das kommende Jahr für unsere private Initiative  „Hilfe für Kranke ohne Hilfe“ zu besprechen. Aber erst am zehnten Tag in der Früh kam es zu diesem Gespräch, weil die Tage vorher immer bis 1 Uhr in der Nacht ausgefüllt waren.

Und nach diesem Gespräch? War klar, dass wir sofort zurück nach Arad fahren…J

Um den Transport einer großen Menge heliopathischen Mohnblütenöls zu organisieren, das dazu notwendige Violett-Glas zu kaufen sowie eine größere Menge Silberrohre zu bestellen, die wir für vorerst einmal 200 hyperenergetisierte Heilstäbe brauchen.

Über die befreundete Personalchefin einer großen rumänischen Bank wurde ich an eine Sachbearbeiterin in Arad vermittelt, damit wir dort Konten in Lei und Euro sowie Internet-Banking bekommen. Bis jetzt hatte ich das Glück von solchen Dingen verschont zu werden, aber jetzt - bei so viel Aufbruchstimmung - brauchen wir auch das, denke ich.

 

 

Alles war vorbereitet, ein paar Fragen blieben noch offen – zum Beispiel die Überweisungsgebühren. Das ist ja frech, was die hier an Überweisungsgebühren verlangen: 18 bis 25 Euro pro Überweisung von Beträgen für 1 bis 150.000 Euro.

Um das abzuklären, wollte ich noch einmal zur Bank – mit dem Fahrrad. Ich fahre täglich mit dem Fahrrad so zwischen 20 und 40 Kilometer. Manchmal, wenn ich gut aufgelegt bin, auch 80 Kilometer.

Im Jahr fahre ich so an die 3.500 Kilometer. In Österreich auf Fahrrad- oder landwirtschaftlichen Güterwegen, in Rumänien auf den normalen Straßen, immer vorher betend, dass mich keiner dieser Verrückten in ihren BMW und LKW über den Haufen schiebt.

Ich habe dafür ein ganz gewöhnliches billiges Tourenrad – und ein vorne und hinten gefedertes Mountain-Bike mit dicken, breiten Reifen. Wichtig sind mir gute Bremsen – und gut aufgeblasene Reifen. Ich fahre meistens mit ca. 4 bar Reifendruck, man spürt dabei, dass es leichter rollt.

 

 Ich bin mit dem Fahrrad unterwegs zur Bank und muss dabei die Muresch in Arad überqueren. Alle Brücken in Arad sind zur Zeit neu gemacht und ich habe eine Freude mit meinen Rumänen, dass sie es echt geschafft haben, einen schönen Asphalt und schöne, gepflasterte Trottoirs auf den Brücken zu haben. Ehrlich. Ich habe eine Riesenfreude mit ihnen.

Ich entscheide mich, den von der Fahrbahn durch eine Leitschiene und einem Geländer abgesicherten Fußweg zu nehmen, damit ich ja kein Hindernis für die Autofahrer bin, überquere die Brücke und .....

 

 

BUMM!!!

 

 

 

Ich entdecke mich auf allen Vieren am Boden, rundum ist es finster, aber in mir klar wie ein Kristall. Ich öffne die Augen, von meinem Kinn trieft stark Blut, vor mir ist schon eine Lache aus Blut und es fließt weiter.

Vorsichtig taste ich mit der Zunge meine Zähne ab, ob die noch da sind – ja, keiner fehlt.

 

Scheiße – so auf die Bank zu gehen – eher nicht. Es ist besser, ich drehe um und fahre die vier bis sechs Kilometer nach Hause.

Aber ich komme drauf, das geht gar nicht. Ich bin blockiert, so wie ich da auf allen Vieren am Asphalt knie und wenn ich mich bewegen will, knackst es in meinem Brustkorb. Das Fahrrad liegt auf mir drauf, ich will es runter heben – auch das geht nicht.

Ich spiele verschieden Varianten im Kopf durch, wie ich da nun die Situation ändern kann – aber es gibt keine.

 

Von weiter unten kommt eine Zigeunerin, welche die Straße kehrt. Sie fragt mich, ob sie die Rettung rufen soll.

 

Die Rettung?

 

Wegen so einer Lappalie?

 

Nein, ich brauche doch keine Rettung.

 

Aber je länger ich nachdenke, wie ich nun meine Situation ändern kann, desto mehr wird mir klar, dass ich alleine von hier nicht mehr wegkann und ich bin froh, dass die Frau dann aus eigenem Antrieb die Rettung ruft. Ich habe auch keine Kraft mehr, mich auf allen Vieren zu halten – allerdings kann ich mich auch nicht hinlegen, denn, sobald ich mich bewege, habe ich schreckliche Schmerzen im Brustkorb.

Äh, was war eigentlich passiert? Warum bin ich da überhaupt in diesem Zustand?

 

Und mir wird klar, dass die Dehnungsfuge, welche jede Brücke hat, nicht abgedeckt war. Es war ein kleiner Graben, rechts weniger tief, links tiefer – ja, ich habe den gesehen, wäre aber nie auf die Idee gekommen, dass der so tief ist, dass er wie eine starke Hand mein Mountain-Bike unten so stark blockiert, dass es mich überschlägt und ich somit auf die Schnauze falle.

 

 

 

 

Ein Mann kommt und nimmt mir das Fahrrad vom Rücken. Aus dem Augenwinkel beobachte ich meine Tasche, in der ich alle Bankunterlagen habe, meinen Reisepass und ebenso die zwei nagelneuen Kreditkarten samt PIN-Code.

Das Blut rinnt nun weniger stark aus dem Kinn, es tropft jetzt nur noch und ich bin beeindruckt, wie schnell der Körper auf außergewöhnliche Zustände reagiert und die einzelnen Notprogramme aktiviert.

Die Rettung kommt – der Mann und die Frau fuchteln aufgeregt mit den Händen, wollen sich bemerkbar machen – aber die Rettung biegt ab. Ist wohl nicht für mich.

Wieder warten, warten, warten – ich merke, wie ich müde und schwächer werde. Eigentlich will ich mich hinlegen und schlafen, aber es geht nicht. Ich kann mich nicht bewegen. Es knackst bei jedem Versuch, meine Lage zu ändern, im Brustkorb.

 

 

Schließlich kommt doch ein Rettungswagen, ein SMURD, mit Notarzt und allem Drum und Dran. Die kommen mit einer Metallbahre und legen mich da drauf, ohne zu fragen, wo es mir wehtut. Jetzt liege ich da gerade drauf, bitte darum, dass sie mir den Kopf etwas höher legen, denn so gerade liegend spannt die Haut auf dem Brustkorb und das tut verdammt weh. Außerdem kann ich nur ganz flach atmen. Die gehen aber nicht unbedingt auf meine Wünsche ein.

 

Sie legen mich in den Krankenwagen, wollen alles Mögliche von mir wissen – ich möchte, ehrlich gesagt, meine Ruhe haben, bekomme kaum Luft, die Lage, in die sie mich gelegt haben, tut mir weh.

Eine der Sanitäterinnen telefoniert mit ihrer Tochter, die andere meint zum Fahrer, dass mir während des Fahrradfahrens schlecht geworden ist und ich deshalb gestürzt bin – mit letzter Kraft presse ich zwischen den Zähnen hervor, ob sie denn nicht die fehlende Abdeckung bei der Dehnungsfuge gesehen hat. Aber es hört mir niemand zu.

 

 Nach ewig langer Zeit frage ich, ob wir denn nicht einmal ins Spital fahren könnten?

 Nein, wir müssen erst auf die Polizei warten, damit klar ist, was mit dem Fahrrad geschieht. Doch es kommt keine Polizei.

Meine Lage und die Schmerzen werden unerträglich und ich bekomme eine Wut auf diese Leute, denen ich komplett unwichtig bin. Was aber nichts hilft.

 

 

Wieder nach endlos langer Zeit höre ich, dass die Polizei gekommen ist und dass ein Polizist die Ärztin fragt, ob ich einen Ausweis habe. Ich sage ihnen mit schwacher Stimme, dass ich in meiner Aktentasche den Reisepass habe. Er nimmt ihn und schreibt die Daten auf. Fragt, ob er jemanden verständigen kann und ich sage ihm mit schwacher Stimme die Nummer von Aurelia.

 

 Immer noch endloses Warten, doch dann geht die Sirene der Rettung los und ab geht´s. Bist du deppert – der Rettungsfahrer scheint wohl Freude an seinem Beruf zu haben. Ich halte mich im Liegen an zwei Stangen fest und frage mich, wie sich jemand schützt, der nicht mehr bei Bewusstsein ist?

 

Au – ich kenne die Kreuzung, obwohl ich nicht raussehen kann. Es rumpelt über Straßenbahnschienen, die Kreuzung vor dem BILLA-Markt, dann geht´s weiter – bremsen, beschleunigen – ich spüre alle Organe im Körper. Die Ärztin sagt: „Nicht wir sind schuld an dieser Rumpelei, sondern die Schlaglöcher auf der Straße.“

Ja, Baby, ich weiß – und denke an die Daniela von Herbert aus Salzburg, welche dort beim Samariterbund arbeitet und die mir einmal erklärt hat, dass ein Rettungswagen in Österreich Beschleunigungssensoren eingebaut hat, damit die jungen Fahrer dieser Tatü-Tata-Autos nicht ganz zu lustig werden.

 

Sowas wäre auch hier gefragt.

Noch eine Kurve – und dann stopp: Wir sind im Spital an der Notaufnahme. Mein Leiden hat ein Ende. Hier ist mein Hafen der Sicherheit.

Vorsichtig werde ich auf eine Liege gebettet – und liege da erst mal. Auch hier wäre es gut, ein Kissen unter dem Kopf zu haben, denn ich bekomme schwer Luft und die Haut am Brustkorb spannt – ich spüre es wie ein Gewicht auf meinem Brustkorb.

Ja, jetzt liege ich da. Aber niemand bemerkt mich. Es ist ein sehr geschäftiges Treiben in diesen Räumen, es geht zu wie in einem Ameisenbau, aber ich scheine hier nur Zuschauer zu sein.

 

 

 

Bis dann doch eine kommt in einem weinroten Overall und alles Mögliche von mir wissen will. Wie ich heiße, wie alt ich bin etc. ……. Mädchen, ich habe Schmerzen. Aber die hört nicht zu.

Dann kommt eine in grün vorbei – will wieder Unmengen von mir wissen, aber die richtet nun die Liege in eine halbe Sitzposition und mir wird besser. Allerdings hat auch die keine Nerven, mir zuzuhören, wo´s mir weh tut, sondern drückt mir die Finger überall rein. Dann geht sie wieder und ich sitze da. Endlos.

Ich erspähe Aurelia – auch sie hat inzwischen von der Polizei  erfahren, was passiert ist und ist in die Notaufnahme gekommen. Sie sieht, dass ich doch noch nicht ganz tot bin, so wie es ihr die Zigeunerin geschildert hat, die mir die Rettung gerufen hat und ist nun etwas beruhigter.

 

 

Aurelia kommt zu mir an meine Liege und ich kann ihr schildern, was passiert ist.

Dann kommen zwei Polizisten rein in den Saal und suchen mich, sagen meinen Namen – ich mache ein schwaches Zeichen mit der Hand und sie kommen zu mir an die Liege.

Der Jüngere beugt sich zu mir herunter und fragt, ob ich ihn verstehen kann. Ja, kann ich.

 

Er fragt, ob ich auch eine Erklärung schreiben kann? Nein. Weder habe ich Lust dazu in meinem Zustand, noch sehe ich eine dringende Wichtigkeit, es hier in der Notaufnahme unter Schmerzen zu tun und er erklärt mir sehr vorsichtig, dass er gekommen sei, um mir einen Rat zu geben, nämlich:

Es gibt ein Gesetz, wonach jeder Verkehrsteilnehmer verpflichtet sei, Vorsicht walten zu lassen und präventiv zu fahren. Auch ein Radfahrer.

In meinem Fall würde das bedeuten, dass ich selber schuld sei, wegen der fehlenden Abdeckung gestürzt zu sein, es ist also eine Selbstverletzung auf Grund von Unvorsichtigkeit im Straßenverkehr und er wäre somit gezwungen, mir eine Strafe aufzubrummen.

 

 

Was ihm leid täte.

 

 

 

In mir erwacht der Geist des Jägers für solche Idioten – nix geht aber. Ich bin zu schwach, zu faul, zu müde – he, Leute, ein anderes Mal……

Ich könnte diese Strafe umgehen, wenn ich eine Erklärung abgebe, dass ich zu Fuß das Fahrrad geschoben habe und dabei gestürzt bin.

 

 

Ha??? Spinnen die?

 

 

 

Ich denke mir das aber bloß und sage es nicht. Statt dessen frage ich noch einmal nach, ob er im Ernst meint, dass ich eine Erklärung abgeben soll, dass ich bei helllichtem Tag, ohne einen Tropfen Alkohol im Blut – den letzten Becher Grünen Veltiner habe ich zwei Wochen vorher getrunken – so blöd sei zu Fuß zu gehen und es schaffe, mich dabei in diesen Zustand zu bringen?

 

Sein Begleiter hat gegrinst und sie sind abgezogen. Aurelia hat ihnen draußen erklärt, dass ich sicher keine falsche Erklärung unterschreibe und sie sind dann weg.

Bis jetzt weiß ich nicht, wer sie geschickt hat. Es scheint, dass es ein Abkommen zwischen dem Straßenerhalter und der Polizei gibt, dass die Unfallopfer, welche auf Grund fehlender Kanaldeckeln, falscher Straßenführung, falscher Kennzeichnung etc., zu Schaden kommen, keinen Schadenersatz fordern.

So - du, Baby in dem roten Overall - Tatiana, glaube ich, hieß sie, - es wäre gut, wenn ich da bald einmal wegkäme von dieser Liege, denn ich werde schwächer und schwächer.

 

 

 

Sie sagt mir, dass es nur drei Krankenpfleger in der ganzen Notaufnahme gibt, welche die Kranken wegbringen und dass sicher bald einer auch zu mir kommen wird, um mich zum Röntgen zu schieben.

Tut er auch. Ion. Ein kompetenter Bursche. Er kommt mit einem …… ja, mit was? Es scheint ein prä-stalinistischer Rollstuhl zu sein: Schaut aus wie ein ostrumänisches Armlehnstuhl aus der Zwischenkriegszeit mit 4 kleinen Rädern – sowas wie bei den alten Kinderwagen aus den 50er Jahren. Aber, gut gepolstert ist der.

 

 

 

Dort hilft er mir hinein, ich habe fürchterliche Schmerzen bei jeder Bewegung und ab geht´s – rauf mit dem Lift in den ersten Stock und durch dunkle schmale Gänge, ganz hinten, zur Radiologie.

Dort müssen wir wieder warten – aber dann komm ich an die Reihe.

Auf den eigene Füßen stehend wanke ich an die Tafel, eine Frau schiebt mich hin und her und ich schrei jedes Mal „AU“ !!! – sie will mein Kinn auf eine Auflage legen, aber dort habe ich eine riesige Wunde und wir einigen uns irgendwie auf einen Kompromiss.

 Sie sagt: „Luft anhalten bis ich sage, dass Sie wieder atmen dürfen“ und geht hinaus, die Zeit vergeht und ich trau mich nicht zu atmen - und die kommt nicht mehr.

Mir ist sowieso schon schwindelig, doch bevor ich da nun ersticke, atme ich lieber und das war gut so, denn sie hat draußen jemanden getroffen und ist ins Reden gekommen.

Ich humple wieder hinaus – aber mein Engel Ion ist verschwunden. Samt dem Rollstuhl. Er samt Rollstuhl wurde anderswo gebraucht. Also steh ich da rum, habe aber eigentlich dafür keine Reserven über und spüre auch, wie mir langsam schlecht wird – so Richtung Ohnmacht. Ich setze mich irgendwie auf eine Bank und warte auf Ion – oder auf´s Koma.

 

 

Ion kommt nicht. Mein Zustand wird schlimmer, ich kann auch niemanden rufen, denn ich kann nicht richtig reden, bekomme auch den Mund nicht richtig zu, die Lippen sind angeschwollen ….. es wird mühsam langsam.

Dann kommt eine weiße Frau vorbei. Der sage ich, dass ich nicht glaube, dass es noch lange dauern wird, bis ich kippe – die beruhigt mich und sagt, dass bald ein Pfleger kommt.

 Nach einer längeren Wartezeit, mir ist echt schon ziemlich unwohl, kommt mein Ion.

 

Mein Engel. Mein Retter. Mein Erlöser.

 

 

Der Fahrtwind im Rollstuhl tut mir gut. Wir fahren wieder zurück zur Notaufnahme. Ion will mich auf eine Liege legen, aber es gibt keine, die frei wäre. Es gibt auch keinen Platz, wo er mich mit meinem Gefährt abstellen könnte. Nur ganz hinten, hinter drei Vorhängen, gibt es sowas wie einen Parkplatz für mich und ich ahne, dass ich da ziemlich weit weg bin von der Pole Position.

Neben mir kotzt einer einen Eimer voll – ein Alkoholiker, der schon seit 3 Tagen keinen Tropfen Alkohol mehr bekommen hat. Er hat eine schwere Krise und will randalieren, ist aber zu geschwächt um Schaden anzurichten.

Gegenüber in einem Abteil will ebenfalls einer flüchten, der bekommt keine Luft. Aber niemand ist bei ihm, um zu fragen, was ihm denn eigentlich fehlt.

 Ich warte und warte und warte – ich bin da komplett auf verlorenem Posten. Mir wird kotzübel und ich überlege mir, in welche Richtung ich mich fallen lasse, wenn ich das Bewusstsein verliere. Mit letzter Kraft kann ich einen neben mir Stehenden mit dem Fuß anstupsen – der schaut mich an und ich mache ihm ein Zeichen, dass er jemanden holen soll.

 

 

Das macht er auch – es kommt ein Pfleger vorbei, der wissen will, wie ich heiße, wie alt ich bin, wo ich wohne – komplett daneben, der Typ. Er macht das Fenster auf und geht wieder.

Ich sehe noch, wie er der Tatiana ein Zeichen gibt und die kommt dann zu mir und dann ging es sehr schnell.

Sofort wurde eine Liege gefunden, auf die ich raufgehievt wurde. Ich bekam sogar auf mein Bitten etwas unter meinen Kopf geschoben und links und rechts eine Infusion.

Die Frau in grün von vorhin war sehr aufgeregt, Tatiana und noch einer bekamen einen ziemlichen Anschiss von ihr und sie untersuchte mich nun mit Ultraschall, weil sie befürchtete, dass die 10. Rippe gebrochen sei und auch die Milz verletzt ist.

Ich lag da, und zitternd wie ein Osterlamm vor dem Schlachten. Bei mir hat jetzt erst der Schock eingesetzt.

 

 

Dann war klar, dass ich auf ein Zimmer komme. Im 2 Stock in der Chirurgie – und dort darf man nur mit einem Pyjama hin.

Ich versteh das, aber mein T-Shirt kann ich nicht ausziehen, sie könne es mir runterschneiden, wenn sie wollen.  Aber ich bringe beim besten Willen die Hände nicht in die Höhe.

Wir einigten uns dann zumindest auf die Pyjamahose und das ging auch irgendwie.

 

 

 Der Unfall war um etwas vor 12 Uhr und nach 16 Uhr war ich endlich in einem schönen Zimmerchen mit vier Betten. Nur ein einziger weiterer Patient war dort mit mir untergebracht. Was ich nun genau habe, weiß ich immer noch nicht. Die 10. Rippe gebrochen, die Milz etwas mitgenommen, aber nicht verletzt, die linke Lunge angeschlagen, aber ebenfalls unverletzt – und der Kiefer? Ich kann den Mund immer noch nicht auf und zu machen, es fühlt sich an, als wenn die vorderen Zähne hinten  und die Backenzähne vorne wären, aber das kann ja wirklich nicht sein. Das rechte Kiefergelenk ist geschwollen.

Aurelia organisiert alles, was nun zu organisieren ist. Inklusive Klopapier, denn das ist Privatsache und wird nicht vom Spital bereitgestellt. Ich verstehe das. Wäre Klopapier am Klo, würde es verschwinden, klar.

Mein Mitbewohner im Zimmer ist aus der Ortschaft Siria neben Arad.  Er hat schwere Rückenschmerzen, kann kaum aufstehen und er wird von seiner Familie 24 Stunden am Tag betreut. Die füttern ihn und machen alles, damit er sich wohl fühlt.

Ich werde ebenso betreut. Aurelia organisiert einen „24 Stunde-Wachdienst“ für mich. Schwager, Schwägerin, Freunde, ehemalige Kinder, die bei uns waren und nun selbst schon Kinder kriegen, denn ich kann nur mit einem Strohhalm im Liegen trinken und muss höllisch aufpassen, dass ich mich nicht verschlucke, denn das wäre mein Ende: Ein Hustenanfall. Nicht einmal daran denken will ich.

Es kommen Leute, die es gut meinen mit mir: Bernhard, du musst essen, damit du wieder gesund wirst.

Ich weiß. Aber erklärt mir erst einmal, wie ich pinkeln, geschweige kacken soll. Ich kann ja nicht einfach aufstehen und aufs Klo gehen.

Aurelia macht sich auf die Suche nach einer Krankenschwester wegen einer Urinflasche. Es gibt aber keine. In der kompletten Abteilung keine einzige Urinflasche, dabei sind hier Leute, denen die Bäuche aufgeschnitten oder Gliedmaßen amputiert werden. Die müssen doch auch irgendwann einmal pinkeln, oder?

Und da kommt die erste Offenbarung. Strahlend kommt Aurelia mit einer Mineralwasserflasche zurück, die seitlich oben ein Loch hat. Soeben im Schwesternzimmer frisch für mich angefertigt.

Die Mineralwasserflasche ist eine Flasche der Firma „Borsec“. Ich mache da keine Schleichwerbung für „Borsec“, aber deren 2-Liter-Flaschen sind am stabilsten. Die anderen sind zu weich oder flutschen weg.

 

Borsec – die ist ab jetzt mein Freund.

 

 

 

 

 

Am Abend kommt das Abendessen. Mini-Würstchen mit Brot. Auch für mich. Ich kann´s aber nicht beißen, ich bekomme ja den Mund nicht zu.

 

Später kommt eine Krankenschwester und will mir Beruhigungstabletten geben. Aber ich brauche keine. Ich weiß immer noch nicht, was ich habe und wenn ich ruhig liege, habe ich auch keine Schmerzen.

Es wird Nacht, Aurelia rückt sich einen Stuhl zurecht und liegt halb bei mir im Bett, halb auf den Stuhl. So schläft sie ab jetzt eine Woche lang.

 

 

Die Nacht vergeht irgendwie, am Morgen sind alle aufgeregt, weil jetzt gleich die „Große Visite“ kommt. Ich denke mir, dass da nun die Herren Doktoren kommen und ich erfahre, was ich habe.

 

Ja nix. Da kommt ein Haufen weiß gekleideter Leute ins Zimmer – und geht wieder. Und ich liege da und darf nicht einmal lachen darüber, denn lachen tut verdammt weh.

Ich liege und liege und liege, ein weiterer Patient kommt zu uns – willkommen im Club. Es ist ein Buschauffeur, der die Strecke Bukarest – Spanien fährt. Kurz vor Arad hatte er einen Darmriss und hat Glück gehabt, dass er das Spital noch erreicht hat. Er ist aber schon operiert worden und befindet sich auf dem Weg der Genesung. Seit drei Wochen ist der nun hier – seine Frau ebenfalls. Die betreut ihn und schläft seit drei Wochen auf einem Stuhl.

 

   Rumänien – deine tapferen Frauen ….. 

 

 

Es wird Mittag – ich bekomme ein schönes Stück Fleisch mit Kartoffelpüree – sie sind echt lieb und umsorgen mich, doch: Nicht einmal das etwas feste Kartoffelpüree bekomme ich zwischen meine Zähne und auch das geht dann eine Woche so dahin: Ich bekomme in der Früh 1/3 Kg Brot, einen Batzen Margarine plus einen Batzen Marmelade – zu Mittag ein Stück Fleisch mit Polenta oder Gemüsereis und am Abend Mini-Würstchen oder Grießbrei.

 

 

Sie kümmern sich um mich – bloß: Ich bekomme es nicht zwischen die Zähne.

Ich sage es meiner Ärztin, die sauer ist auf mich, weil ich „die Behandlung verweigere“.  Die Behandlung wäre ihrer Meinung nach Schmerzmittel und Antibiotika. Dabei weiß ich ja gar nicht, was mir fehlt – und ich habe noch niemanden hier getroffen, von dem ich den Eindruck hatte, dass der irgendwie wüsste, was ich habe.

Ich fürchte, die Ärztin meint, ich sei von einer Sekte, weil ich ihre Methode verweigere.

Wenn ich ihr aber sage, dass ich den Mund nicht zubekomme und das Gefühl habe, dass die Schneidezähne hinten und die Backenzähne vorne seien, meint sie, dass sei bloß eine Schwellung.

Ich sage ihr auch, dass ich ein Knacksen im Trommelfell höre, wenn ich rede.

 

   

 

„Eh klar, Schwellung“, sagt sie. Aber ich glaube es ihr nicht. Am dritten Tag, am Freitag, schaffe ich es, sie zu überzeugen, dass wir das vielleicht einmal untersuchen sollen und sie schickt mich dann runter zu einem Chirurgen. Der hat sofort begriffen, dass was gebrochen ist und schickt mich am Nachmittag außer Haus zu einer privaten Klinik, welche moderne Röntgenapparate haben.

Die denken, dass ich da alleine hinkann. Ja wie denn? Sie haben dann einen Rettungswagen organisiert, der mich hingebracht hat – aber schon bei der Ausfahrt vom Spital war klar, dass ich dem Rettungsfahrer die Zügel etwas anziehen muss.

 

 

Auch er ist ein Typ, der seinen Beruf liebt und aufs Gas steigt, was es hergibt – ich aber spüre alle Organe in mir in jeder Kurve – die Fliehkraft ist ein Hund – Aurelia klopft ans Fenster von der Trennwand und redet ihm ins Gewissen, dass es komplett egal ist, wie lange wir da in diese private Klinik brauchen.

Dort angekommen, parkt er sich ein – rummmps – ein Schlagloch hat er doch noch mitnehmen müssen, aber dann steht er, macht mir die Schiebetür auf und ich setze vorsichtig einen Fuß auf die Straße – äh, genau dort, wo der Fuß hinsoll, klafft ein Loch: Ein kleiner Abflußschacht, 30 x 30 cm – ohne Abdeckung.

Also das würde mir jetzt gerade noch fehlen, da mit einem Fuß einen halben Meter tiefer zu fallen.

 

 

Die private Klinik ist hypermodern ausgestattet. Dort wird ein Panoramabild von meinem kompletten Kiefer gemacht und man sieht klar, dass das rechte Kiefergelenk gebrochen und schief ist. Aurelia bezahlt das Bild: 30 Lei. 7,50 €. Ich frage mich immer, warum das hier so billig – und im Westen so teuer ist. Denn die Apparate und das Material ist ja dasselbe.

 

Es ist aber Freitagnachmittag – bis am Montag muss ich jetzt warten, bis da etwas gemacht werden kann und, obwohl ab jetzt bis am Montag sowieso nichts gemacht wird, darf ich das Spital nicht verlassen

 

Also bleibe ich und gebe mir den Spitalsbetrieb. Ich habe ja früher schon oft in rumänischen Spitälern behandelt. In Arad, in Timisoara auf der Intensivstation. Jeden Freitag ab 23 Uhr wurde ich da in einem weißen Kittel hineingeschmuggelt. Und im Spital Militar in Bukarest, eine ganz feine Adresse für betuchte Patienten. Dort wurde ich von einem Arzt ebenfalls  reingeschmuggelt, weil ich keinen Reisepass dabei hatte. Aber, so direkt selbst, also so richtig als Patient, war ich noch nie betroffen.

 

 

Was mir schon seit dem ersten Augenblick auffällt ist: Chaos, Desorganisation und Überforderung aller.

Das meine ich nun absolut nicht abwertend und böse, es ist absolut kein „Rumänien-Bashing“. Nein, ich bewundere die Leute, die hier arbeiten. Ich habe mich früher immer geärgert, wenn ich zu Kranken in die Spitäler gebracht wurde, über die Plakate deutscher Spitäler, die ganz offen in den rumänischen Spitälern rumhingen und um Personal warben: Komm nach Deutschland. Wir suchen Ärzte, Krankenschwestern, Pfleger …. etc.

Es geht nicht – nein, es ist sogar äußerst fies, einem Land die Ausbildung zu überlassen – und dann das fertig ausgebildete und eingearbeitete Personal abzuwerben.

 

Eine rumänische Krankenschwester bekommt im Monat 700 – 800 Lei (170 – 190 €). Das reicht nicht einmal immer, um die monatlichen Betriebskosten zu bezahlen. Klar, dass die das Geld nehmen, welches ihnen von den Angehörigen der Kranken zugesteckt wird. Von dem leben sie dann und bezahlen die Ausbildung ihrer Kinder.

 

 

Manche dieser Krankenschwestern sind allerdings Drachen. Feuerspuckende Drachen. Aber die sind in der Minderheit und alle, außer eine – und auch die fast-, konnte bezähmt werden.

Schmiergeld habe ich persönlich nie bezahlt – Aurelia hat einer Frau einmal fünf Lei (= 1,20 €) zugesteckt – das war eine gute Investition, denn diese Krankenschwester hat dann auch meine Ärztin, deren Idee einer Behandlung ich nicht angenommen habe, wieder soweit gebracht, dass wir ein unverkrampftes Verhältnis hatten am Schluss.

Und noch einmal hat Aurelia fünf Lei bezahlt: Am Montag war ich programmiert für die Kieferoperation und dafür sollte ich einigermaßen sauber sein.

 

 

Also, rasiert – und wohl auch geduscht irgendwie, denn ich habe mich seit dem Mittwoch vorher nicht mehr gewaschen.

Das Problem war, dass es zwar auf dem Männerklo zwei Duschen gibt und sogar einen winzig kleinen Raum, wo draufsteht, dass der dazu dient Patienten für die OP hygienisch vorzubereiten und es gibt dort in Hüfthöhe auch einen Wasserhahn – aber keinen Duschkopf und auch keinen Duschschlauch.

 

Also, sich dort Haare waschen, das Blut aus dem Gesicht, Hände, Beine – unmöglich. Aurelia hat dann eine konstruktive mitdenkende Nachtschwester motivieren können, welche, Zitat:  „von der Dusche vom Chef“ – den Duschschlauch abmontiert hat – Aurelia musste aber versprechen, dass sie ihn wieder gleich zurückbringt – tja, und so viel konstruktives Mitdenken wurde eben mit fünf Lei honoriert. Das hat nichts zu tun mit „Stimulation“, wie Schmiergeld auch manchmal bezeichnet wird.

 

Wir sind aber dann rüber aufs Frauenklo, denn dort war der Duschschlauch leichter zu montieren und ich habe mich dort mit Hilfe von Aurelia gewaschen. Das Wasser hat gut getan.

 

Rasieren – ich habe mich das letzte Mal nass rasiert, als ich meinen Wehrdienst in Österreich ableistete. Das ist schon länger her ….. 1977, glaube ich, war das.

Ich konnte aber für die Rasur auf einen absoluten Profi zurückgreifen: auf Mircea. Er war der Schwiegersohn von Adi, einem Zimmerkollegen hier im Spital – also, alleine diese Mannschaft im Zimmer war eine Freude für sich. Erstens einmal wir Patienten unter uns – aber auch unsere Betreuer verstanden sich wunderbar und tauschten Sachen, Essen, Trinken, Bücher untereinander aus.

Die Kommunikation lief bis spät nach Mitternacht.

Dieser Mirca, der selbst einmal neun Monate das Bett gehütet hat, weil er mit seinem Kleinwagen frontal in einen Autobus gefahren ist, arbeitet heute als Friseur und er hat mich nach allen Regeln der Kunst -  nicht mit Rasierklinge, nein, mit dem Rasiermesser - fein gemacht für den Herrn Chirurgen, der allgemein als streng und pingelig bekannt ist.

 

 

Dieser Friseurtermin da im Krankensalon war gar nicht so einfach, denn es waren eine Menge Leute da, die sehr viel Witze machten und das Lachen tat echt weh. Also, ich glaube nicht, dass ich wehleidig bin, aber mit „echt weh“ meine ich wirklich ordentliche Schmerzen.

 

 

Aber es half nichts, die Mannschaft im Zimmer wurde auf mein Bitten hin, mich nicht mehr zum Lachen zu bringen, ja nicht trauriger – also, diese Rasur und der Haarschnitt, das waren echt eine schwere Geburt. Ich habe aber auch das dann schließlich und endlich überlebt.

 

 

Das  Bild ist nicht gestellt – es wurde noch vor der OP gemacht. Schmerzen vom Lachen – bitte bringt mich zum Weinen ……

 

 

 

Montag. Tag der OP.

 

 Freu mich drauf, wieder ein gerades Kiefer zu bekommen.

 

Mein Schwager Grigo war von der Aurelia eingeteilt, mich mit dem Rollstuhl zum Chirurgen zu bringen und den Rollstuhl ja nicht außer Augen zu lassen, damit es mir nicht wieder so geht wie bei der Notaufnahme.

Er versprach das – es gibt nämlich auf der ganzen Station nur einen einzigen funktionierenden Rollstuhl. Ein anderer, sehr weich gepolsterter, aus irgendeiner Hilfslieferung steht auch noch dort in einer Nische, aber der hat keinen einzigen Reifen – der steht mit allen vier Rädern auf den Felgen.

Weil wir doch ein Stück fahren müssen, nehmen wir den mit den Gummireifen und fahren los zu diesem pingeligen Chirurgen.

 

Doch Halt – ich spüre was in meinen Gedärmen und freue mich:

Heute ist Montag – das letzte Mal war ich Dienstag letzter Woche auf dem Klo und diese Gelegenheit, endlich wieder einmal kacken zu können, wollte ich nicht ungenutzt verstreichen lassen. Außerdem wollte ich bei der OP frei sein, also nicht mit den Gedanken beim – ach, ihr wisst schon.

 

Ich fuhr mit dem Rollstuhl beim Klo wie ein Präsident vor, erhob mich – sobald ich stand, konnte ich mich ja frei und ohne Schmerz bewegen – und suchte mir ein Kämmerchen auf dem Klo.

Das ist nicht ganz so einfach, denn es gibt auf der ganzen Chirurgischen Abteilung ganze vier Männerklos. Und wie ich bemerkte, alle ohne Klobrille. Stopp – stimmt nicht, denn da sehe ich ja ein Klo mit Klobrille. Ich habe eine Abneigung gegen Klos ohne Klobrille. Ich kann die nicht ausstehen. Ich glaube, seit meiner Kindheit schon.

 

     

 

Der Grigo bringt mir meine persönliche Klopapierrolle vom Zimmer, ich habe da meine eigene Marke aus Braila, Typ Packpapier, aber grifffest - und ich versuche, mich einigermaßen schmerzfrei hinzusetzen. Kein Problem. Schaffe ich, ohne Hilfe.

 

Und wie ich da nun endlich sitze, eine Position finde, die nicht schmerzt - rutsche ich mit der kompletten Klobrille rechts weg.

Ja, bist du deppert - hab ich eine Wut bekommen auf diesen Idioten – und habe sie immer noch – auf den, der dafür zuständig ist, dass Klobrillen angeschraubt sind. Das ist ja nicht erst seit jetzt, ich bin ja nicht der erste, den´s erwischt mit dieser Falle.

 

 

Es hilft aber das ganze Fluchen nicht (auf Deutsch, eh klar. Immer wenn´s schnell gehen muss, dann auf Deutsch), ich muss sehr schnell Entscheidungen treffen:

Mich abstützen. Mit was? Ja nicht mit der linken Hand flüchtige Bewegungen machen – mit den Füßen vielleicht? Nein, die Wände sind zu weit weg.

Im Grunde ist es eh egal, denn durch den Schreck habe ich schon heftige Bewegungen gemacht, die mich sehr heftig spüren lassen, wo die Milz ist, die Lunge – und der Kiefer.

 

2013 schreiben wir. Die Klobrillen sind vom Stil her eher spät-maoistisch und sicher für ein Wochenendhaus geeignet, welches im Jahr fünfmal von maximal vier Personen besucht wird.

Aber nie und nimmer für den Betrieb in einem Krankenhaus, wo ja nicht nur die Patienten drauf sitzen müssen, sondern auch deren Betreuer. 365 Tage im Jahr. Geschätzte 40 – 50 Betten hat diese Abteilung und die sind gut ausgelastet.

 

Der Adi, mein Zimmerkollege, der hatte gleich vier Betreuer, manchmal auch sechs oder sieben.

 

 

 

Also, ich habe das dann doch irgendwie knapp überlebt –

 

 nächstes Ziel OP.

 

Grigo ist im weißen Trainingsanzug gekommen. Der ist ja nicht blöd und wir haben überall Vorrang. Viele glauben, er sei Arzt und er wird auch öfters gefragt von wartenden Patienten.

Ich bin im Pyjama und in Socken – ich weiß gar nicht, wo meine Schlappen (Pantoffeln) geblieben sind. Als wir da zu meinem Chirurgen kommen und der mich in Socken sieht, will er in seiner Strenge eine Diskussion beginnen, die ich aber in eine witzige Richtung abfedern kann.

Der Raum ist kein OP-Saal. Er schaut aus wie eine ganz normale Zahnarztpraxis. Der Dottore ist aber kein Zahnarzt, sondern Spezialist für Kiefer- und Gesichtschirurgie.

Er meint, ich soll mich da auf den Zahnarztstuhl setzen ….. ja, wie denn? Ich habe ja noch zwei oder drei gebrochene Rippen und die nicht nur einmal, sondern zum Teil hinten, seitlich und beim Brustbein.

Mühsam finde ich dann doch eine Position – der Dottore gefällt mir. Er ist trocken und pingelig – aber er ist zu knacken und ich denke, dass wir ein gutes Verhältnis haben, weil ich mich nicht gleich unterworfen habe bei der Sockenfrage.

 

Vor mir stehen übrigens 15 – 20 Studenten aus Nordafrika, Italien, Israel und Frankreich. Sie machen hier die Ausbildung und sprechen alle Rumänisch. Finde ich toll.

Meine OP – das war gar keine. Das war eine Vorführung am lebendigen Objekt für die Studenten. Ich bekam eine Spritze reingesteckt in den Kiefer, aber nicht abgedrückt: Jeder der Studenten musste die Spritze berühren und erfühlen, ob die Spritzennadel meinen Kieferknochen berührt. Ich habe nichts gespürt dabei, denn ich wurde vorher mit einem Spray lokal betäubt.

 

 

Der Dottore erklärte seinen Studenten alles sehr genau, manchmal konnte auch ich Fragen stellen – oder die Studenten mich etwas fragen – es war eine sehr intensive Unterrichtsstunde. Auch für mich.

Ich wurde also gar nicht aufgeschnitten und operiert, sondern mein Unterkiefer wurde gerade eingerichtet und dann mit 2 Drähten, einen links, einen rechts, mit dem Oberkiefer starr verbunden. Bei zwei Zähnen hat er mir ein Loch durchgebohrt, wo er den Draht durchstecken konnte. Aus.

 

 

Die Schnauze versiegelt – einen Monat nichts reden und nichts essen – nur flüssig. Nicht gähnen und nicht nießen. So schaut´s aus ab jetzt - schöne Scheiße.

Aurelia wollte zwischendurch immer wissen, was mit mir los ist und hat dazu öfter ihren Bruder Grigo angerufen, welcher nicht im Raum bleiben durfte, sondern draußen am Gang warten musste.

Er sagte zur besorgten Aurelia am Telefon: „Also, ich weiß nicht, wie es drinnen ist, aber so, wie da die Studenten nach der Reihe herausgeführt werden, kann ich mir vorstellen, wie es drinnen zugeht.“

 

Einigen ist da beim Zusehen schlecht geworden, ein paar mussten auch kotzen. Die wurden dann während der Aktion draußen auf dem Gang vor der Tür auf einer Bank geparkt.

 

 

Der Dottore ist ein absoluter Vollprofi. Nach der ganzen Aktion durfte mich Grigo wieder aufs Zimmer bringen, morgen, Dienstag, darf ich nach Hause. Das Gröbste ist also überstanden, bloß einmal in der Woche zur Kontrolle kommen, was ich auch tat.

Der Dottore ist also ein Vollprofi – und leider auch ein Star. Er hat es nie geschafft, einen Gruß zu erwidern. Das sind ein paar ziemliche Minuspunkte, aber in seinem Fach ist er super und das scheint er eben auch zu wissen. Schade.

 

Einen Monat nicht essen. Ich bin erstaunt, wie vielseitig man sich flüssig ernähren kann. Welch ein Glück, dass der Liebe Gott den Stabmixer erfunden hat, denn ohne Stabmixer wäre der Monat ziemlich lange und eintönig geworden, aber so – alles bekommt man mit viel Wasser, Milch und Joghurt irgendwann einmal flüssig hin mit so einem Gerät.

 

Einmal hatte ich einen Heißhunger auf Fisch. Fast eine ganze Nacht habe ich mir überlegt und ausgemalt, wie ich diesen Fisch flüssig hinbekomme, ohne dass mir die Fasern die Zahnzwischenräume verlegen, denn dann wird´s eng. Dann geht auch kein Wasser mehr rein und ich kann überhaupt nicht mehr reden.

Aber, ich hab´s hinbekommen: Den Fisch mit Knoblauch und Olivenöl ins Backrohr, bis er wirklich durch ist – und dann mit Joghurt und viel Wasser lange, lange mixen.

Wahnsinn, war das gut. Im linken Becher flüssiger Fisch – im rechten flüssige Mamaliga (Polenta) mit Knoblauch.

 

 

Ich habe einen Geruchsinn entwickelt wie eine Schwangere – und auch den Heißhunger auf die verschiedensten Speisen. Irgendwann habe ich mich an die flüssigen Speisen so gewohnt, dass es mir überhaupt nichts mehr ausgemacht hat – im Gegenteil: Ich hatte eine Riesenfreude damit, denn….

 

…. ja, ich weiß ja gar nicht, ob euch die aktuellen Zahlen meines Körpers interessieren, aber nachdem dies am Samstag auch ein Thema beim Großen Internationalen Philosophentreffen in Sofronea (kurz: GIPS) war, dachte ich, ich schick sie euch. (Sofronea ist ein Thermalbad hier, wo man die Seele reinigt und dabei ins Philosophieren kommen kann ....:-)

 

Also:

 

 

 

- Mittwoch, 27.11., in der Früh, vor dem Entfernen des Drahtes, hatte ich traumhafte 66,4 kg.

- Ca. 8 - 9 kg abgenommen.

- BB-Traumfigur für Strand und Sofronea (BB = Beach Boy, copyright Kathi von www.biofarmland.com)

- Das letzte Mal gegessen habe ich am 21. Oktober 2013.

- Vorgestern, am 27.11.2013, konnte ich den Mund wieder aufmachen und dachte, ich schiebe da eine   ganze Pizza rein

- geht aber nicht, weil ich erst wieder lernen muss zu beißen und zu kauen, also, damit mir die Zähne nicht durcheinanderkommen und auch die Zunge nicht dazwischen.Nicht einmal Reis kann ich beißen, nur die Reiskörner zutzeln....:-)

- reden und gähnen kann ich auch wieder normal - bloß habe ich jetzt schon einen Muskelkater im Kau- und Redemuskel

- und... sooo schlecht war der letzte Monat gar nicht:

Wenig reden, überlegen, was man verflüssigen könnte als Nahrungsaufnahme - es war eine sehr schöne Erfahrung eigentlich – ich hoffe, dass die Gudrungudrun das nun versteht, denn die hat schon an meinem geistigen Zustand gezweifelt, als ich ihr schrieb, dass die ganze Geschichte eine wunderbare und wichtige Erfahrung war in meinem Leben.

 

Nächster Schritt

 

 

- Kaumuskeln aufbauen - und die Rippen müssen noch besser werden.

(Also, wenn mich in 3.000 Jahren ein Archäologe einmal ausgräbt und meine Rippen sieht, so glaubt der sicher, dass ich ein ganz, ganz großer Krieger gewesen bin.)

 

Ende der Geschichte

 

– und auf zu neuen Taten, auf zu neuen Krankenbehandlungstouren in Cluj-Napoca und Bukarest,

aber vorher:

 

 

Ich suche für

 

 

 Arad: Klobrillen und gebrauchte Rollstühle für das Krankenhaus in Arad gesucht. 5 Klobrillen hat der Christian aus Oberösterreich schon organisiert, 5 brauchen wir noch)

 

 Cluj-Napoca: Wir suchen ganz, ganz dringend für einen 12-jährigen gelähmten Jungen (Muskelschwund) einen gebrauchten Treppensteiger (scalamobil)