Vom Mann, der die Sprache der Tiere verstand

ausgesucht von Richard Kreiling aus

Märchen und Sagen aus dem Banater Bergland (Kapitel Geschichtliche Sagen), Kriterion Verlag, Bukarest 1976

 

Zeichnungen: Johanna und Bärbel Säuberlich

 

  

 

Es war ein Schafhalter, der hütete die Schafe. Auf einmal hörte er ein lautes Gebrüll und Geschrei, im Walde auf einer Wiese. Er ging hin und sah: Eine große Schlange hatte einen Hirsch verschluckt. Der Hirsch bat ihn, dass er ihm helfe. Die Schlage bat ihm, dass er ihr helfe. Wem sollte er helfen?

 

 

Die Schlage sagte: „Wenn du mir hilfst, will ich dir auch helfen; was du dir wünschst, das geb‘ ich dir.“ Der Hirt schlug mit seinem Knüppelstock hin und brach dem Hirsch das Geweih ab, und die Schlange konnte ihn ganz verschlucken. Als sie mit dem Fraße fertig war, sagte sie zum Schafhalter: „Jetzt fresse ich dich!“ „Das ist dein Dank? Weil ich dir geholfen habe, willst du mich fressen?“„Hab keine Angst, ich tu es nicht, ich habe nur gescherzt.“

 

 

Sie gab ihm einen Zettel und einen Grashalm in die Hand. „Geh zu dem und dem Ort, dort ist ein Loch in der Erde, dort geh hinein, und dann kommst du in die andere Welt, ins Königreich der Schlangen. Wenn du hineinkommst“, sage sie, „gib acht, gleich bei der Tür ist eine Schlange, die reißt ihr Maul auf, so groß wie ein Haus. Du aber habe keine Angst vor ihr; vor diesem Kräutlein zieht sie sich zurück; auch die anderen Schlangen weichen vor dem Kräutlein.

 

 

Du kommst zu einem großen Haus, zum Hause meiner Mutter; gibt ihr diesen Zettel, und von ihr wirst du deinen Lohn erhalten. Wenn sie dir Gold und Edelsteine anträgt, nimm nichts an, sondern verlange nur die Schatulle, die auf dem Kasten liegt.“

 

 

Der Hirte befolgte den Rat der Schlange. Er gelangte in das Königreich der Schlangen. Die Schlangen kamen von allen Seiten auf ihn zu gekrochen, aber er hielt ihnen den Grashalm entgegen, und sie wichen zurück. Er kam zu einem großen Haus, zu einer Villa. Er klopfte.

„Ja! Herein!“

Er ging hinein. Die Schlangenmutter kam ihm entgegen. Er gab ihr das Billet ihrer Tochter. Sie las es und dann sagte sie: „Ich will dich für deine Güte, die du meiner Tochter in der oberen Welt erwiesen hast, belohnen, Willst du Gold, oder willst du Edelsteine?“

„Gib mir die Schachtel, die auf dem Kasten liegt.“

„Willst du nicht lieber andere schöne Dinge aus Gold?“ „Ich brauche sie nicht; die Schatulle möchte ich haben.“ „O du Satansbrut! Kot soll fressen, wer dich belehrt hat, dass du die Schatulle verlangen sollst. Nun, da hast sie! Aber du sollst wissen: wenn du das Geheimnis verrätst, musst du sterben!"

 

 

Sie gab ihm die Schatulle. Es war eine kleine hölzerne Schachtel, von der Art der Federbüchsel, wie die Schulkinder sie für die Federstiele und Bleistifte haben. Darin war eine kleine weiße Schlange. Und mit dieser Schachtel verstand er alle Stimmen und alle Sprachen der Welt; er verstand die Sprachen der Tiere, alle. Er kam aus dem Schlangenloch herauf und ging zu seinen Schafen zurück.

 

Unterwegs hörte er die Spatzen zwitschern:

 

 

„Wo warst?“

„Weit! Weit!“

„Hast Futter gefunden?“

„Wenig! Und du?“

„Ich fliege mit hungrigem Magen. Nichts habe ich gefunden!“

 

Der Hund bellte: „Ich lass dich nicht heran! Wenn du näher kommst, beiß ich dich, zerreiß ich dich!“

Er verstand, was der Hahn krähte, was die Schafe blökten und was das Pferd wieherte.

 

 

Nach einer Zeit weidete er seine Schafe auf einem Hügel. In der Mittagszeit legten die Schafe sich nieder; der Bock lag etwas abseits. Es kamen Krähen geflogen, sie ließen sich auf die Schafe nieder und pickten ihnen die Zecken aus dem Fell. Eine Krähe setzte sich auf den Bock und rief: „Krah, krah! Wenn der Hirt es wüsste! Hier, wo der Bock schläft, ist ein Kessel voll Geld in der Erde vergraben!“ Als der Bock aufstand, schlug der Hirt einen Pfahl auf dem Platz in die Erde. Dann holte der Spaten und Schaufel und grub das Geld aus.

 

Er war bisher ein armer Knecht gewesen; jetzt wurde er reich; er wurde Bauer; er heiratete, kaufte sich ein Haus und viel Vieh jetzt hielt er schon Knechte bei seinem Vieh.

 

 

Eines Tages sagte er zu seiner jungen Frau: „Morgen in der Früh wollen wir zu den Schafhaltern hinausreiten, um nach der Wirtschaft zu sehen.“ Sie hatten ein Pferd und eine Stute, die war trächtig. Der Mann ritt voran auf dem Pferde und die Frau hintennach auf der Stute. Das Pferd trug den Mann wie der Wind dahin: die Stute ging langsamer. Nach einer Weile rief die Stute: „Wart auch mich!“ Das Pferd sagte: „Lauf schneller!“

 

 

„Ich kann nicht! Du hast es leicht! Ich seid zu zweit, wir aber sind zu viert!“

Der Mann hörte das und lachte. Die Frau bemerkte es und fragte: „Warum lachst du?“

„Was weiß ich, was mir eingefallen ist!“

Die Frau wurde böse. „Du willst es mir nicht sagen!“

Die Hirten kochten im Szallasch ein Nachtmahl. Als sie beim Feuer hockten und aßen, heulte der Wolf am Berghang. Die Hirten hatten eine alte Hündin  und zwei jungen Hunde. Der Wolf rief vom Berge den Hunden zu: „Lasst mich Paprikasch von euren Schafen machen, so kriegt auch ich euren Teil!“

 

        

 

Die jungen Hunde bellten: „Lassen wir ihn kommen, so fressen wir auch Fleisch!“

Die alte Hündin aber sagte: „Solange ich noch zwei Zähne im Maul habe, kommst du nicht heran, alter Räuber, denn ich zerreiße dich!“

Der Mann gab seinen Knechten momentan Befehl, die zwei jungen Hunde zu töten; der Hündin warf er ein großes Stück Fleisch zu.

Die Frau fragte: „Warum lässt du die zwei schönen Hunde töten und fütterst die alte zahnlose Hündin?“

Der Mann wollte es ihr nicht sagen, aber sie ließ ihm keine Ruhe mehr: „Du hast ein Geheimnis, warum sagst du es mir nicht?“

„Wenn ich es dir sage, muss ich sterben.“

„Meinetwegen“, sagte sie, „stirb, nur sag es mir!“

So ging es die ganze Zeit, zuletzt sagte der Mann: „Gut, ich will es dir sagen. Bereite alles zu meinem Tode vor; denn ich muss sterben, wenn ich es dir sage.“ Die Frau bereitete den Totenschmaus; sie füllte den Ofen mit Kuchen und Braten. Sie rief die Verwandten und Nachbarn von den Szallaschen nach Hause.

 Der Mann beschaffte die Totentruhe und legte sich hinein, bereit zu sprechen und dann zu sterben.

 

 

Der Hund, dem er noch ein Stück Malai zugeworfen hatte, konnte nicht fressen; es tat ihm leid um seinen Herrn. Es kamen der Hahn und die Hühner aus dem Hof ins Zimmer herein.

 

 

Der Hund knurrte sie an: „Humm, geht hinaus! Seht ihr nicht, unser Herr will sterben.“

Da krähte der Hahn: „Kukuriku! Lass ihn sterben! Ich habe zwanzig Frauen und bin Kommandant über sie; er hat nur eine und kann ihr nicht schaffen!“

Der Mann hatte das gehört und verstanden; denn er verstand, was das Vieh unter sich redete. Er stand auf, nahm eine Weidenrute und rief die Frau in die Kammer: „Komm, ich will dir mein Geheimnis sagen.“

 

 

Er schlug sie tüchtig mit der Rute, bis sie um Verzeihung bat und versprach, ihn nicht mehr mit ihrer Neugierde zu plagen.

Nach einer Weile aber fing sie von vorne an, er solle es ihr sagen, er soll es ihr sagen, bis er es ihr sagte

– und aus war´s mit ihm!

 

 

 

Fertig!

 

Malai (rum. mălai) – Maiskuchen

Szallasch (ung. szállás) – Hütte, Unterkunft außerhalb des Dorfes, auf dem Feld