Wenn Passionisten aufeinander treffen

von Hans-Ulrich Schwerendt

Passion bedeutet Leidenschaft! Wenn ich mit meinem Wanderfreund Willi in Rumänien bin, dann treffen wir immer wieder auf Passionisten. Warum ist das so? Ganz einfach: Willi ist einer von Ihnen! Seine Leidenschaft, seine Passion sind die Berge Rumäniens, seine Menschen und ihre Traditionen, Steine, Kristalle, Mineralien und aus diesem Grunde natürlich Höhlen und Bergbau.
Irgendwie erkennen und finden sich Passionisten. Im Frühjahr war ich mit Willi im Munţi Metalliferi unterwegs. Wie man schon aus dem Namen entnehmen kann, ist dies eine ehemalige Bergbauregion mit vielen stillgelegten Bergwerken.
An einem sonnigen Morgen erreichten wir Baia de Arieș, eine kleine Bergarbeiterstadt. Hier wurde vor allem Arsen und Pyrit abgebaut, aber auch Gold. 2004 wurde die Mine geschlossen, weil die Bodenschätze erschöpft waren. Aus diesem Grund ist Baia de Arieș eine ruhige Kleinstadt geworden, aber man kann noch erahnen, dass es hier früher anders war.
Wir stehen im Zentrum der Stadt, der aus einem Kreisverkehr, einem kleinen Platz mit einem Bergarbeitermonument und dem „Parcul Eroilor“, dem Park der Helden besteht. Auf dem Platz sitzen drei Rentner in der Sonne. Willi geht zielstrebig auf sie zu und innerhalb von zwei Minuten wissen wir, dass es hier in Baia de Arieș kein Tourismusbüro oder ein öffentliches Museum gibt. Aber es gibt Virgil Nariţa, ein ehemaliger Elektriker, der früher jahrelang in den Bergbauminen der Umgebung gearbeitet hat und jetzt hier als Rechtsanwalt arbeitet und ein kleines Privatmuseum zur Bergbaugeschichte errichtet hat.
Auf unsere Frage nach dem Weg zu Virgil Nariţa springt einer der Rentner auf und keine Minute später stehen wir im Hinterhof eines typischen Neubaublocks aus den 80-er Jahren.
Aber wir haben kein Glück, im Büro macht keiner auf. Ein Mann, der gerade im Hinterhof Holz stapelt, erklärt, dass Virgil Nariţa gerade unterwegs ist. Lautstark ruft er einen Mann her, der gerade auf der Straße vorbei geht und von ihm erfahren wir die Telefonnummer von Virgil Nariţa. Aber auch an sein Telefon geht er nicht.
So besichtigen wir erst einmal Baia de Arieș und setzen wir uns am Heldenpark in ein Café. Als wir Virgil Nariţa immer noch nicht erreichen, fahren wir die Umgebung der Stadt ab, finden einige zugemauerte Mineneingänge, später entdecken wir noch einen riesigen Kessel Namens Gropaţi mit drei offenen Stolleneingängen.
Dann endlich erreichen wir Virgil Nariţa und 20 Minuten später klingeln wir in der ersten Etage an seiner Bürotür. Er nimmt uns gleich mit und direkt neben dem Hauseingang schließt er eine vergitterte unscheinbare Tür auf und schon stehen wir mit offenen Mündern in zwei voll gepackten Räumen voller Bergbaugeschichte. Bis unter die Decke ist alles ausgefüllt mit Gegenständen aus allen Epochen der Bergbaugeschichte rund um Baia de Arieș.
Langsam gehen wir von Regal zu Regal und bestaunen Steine, Mineralien und Kristalle, während Virgil Nariţa uns zu all den Dingen Geschichten erzählt.
Ganz besonders stolz ist er auf einen handlangen Quarzit mit Wasser- und Lufteinschlüssen.
Schnell bemerkt Virgil Nariţa, dass er in Willi einen Experten in Sachen Bergbaugeschichte und Mineralien vor sich hat und so werden nun die Steine vom Tisch geräumt und ein Stapel alter Bergbaukarten wird aufgeschlagen.
Beide sind inzwischen in die Karten vertieft und diskutieren. Auch wenn ich kaum ein Wort verstehe, ist es schön, zwei so vom Bergbau begeisterten Menschen zuzuschauen.
Ich laufe noch eine Runde durch die beiden Museumsräume und entdecke immer wieder neue Steine und Mineralien in den Vitrinen und bestaune einen auseinandergebauten 16 Millimeter Filmprojektor. Daneben liegt ein Stapel Filmrollen. Leider funktioniert der Projektor nicht mehr. Gern hätte ich mir ein paar dieser alten Filme angeschaut.
So schlendere ich weiter durch die beiden Räume und werfe ab und zu einen Blick auf neu ausgerollte Bergkarten oder handschriftliche Dokumente, Betriebsausweise und Fotos, die Virgil Nariţa aus Schubladen und Schränken holt.
Plötzlich springt Virgil Nariţa auf, schaltet alle Lichter aus und fordert uns auf, die Räume zu verlassen. Ich bin etwas irritiert und vermute, dass er einen wichtigen Termin über das Gespräch mit uns vergessen hat und es deswegen so eilig hat.
So stehen wir draußen. Virgil Nariţa verschließt die schwere Museumstür, aber statt sich von uns zu verabschieden winkt er uns mit ins Haus hinein. Vielleicht bekommen wir noch seine Visitenkarte. Aber statt hoch in sein Büro steuert er auf die Kellertür zu und steigt mit uns in den dunklen Heizungskeller.
Als er das Vorhängeschloss zu einem Bretterverschlag geöffnet hat, stehen wir zum zweiten Mal sprachlos mit offenen Mündern da. Wieder sind es zwei Räume, der eine Raum ist Virgil Nariţa seine Werkstatt, der andere Raum ist bis unter die Decke gefüllt mit alten Bergbauutensilien.
Unglaublich!!! Alles, was im Zuge der Stilllegung der Bergbaumine auf dem Müll wandern sollte, hat Virgil Nariţa versucht zu bergen und zu archivieren. Alte Bergbaukarten bekommen wir zu Gesicht, Arbeitsbücher, Bergbaulampen, Betriebsbücher und vieles mehr.
Stunden später treten wir wieder ans Tageslicht und Virgil Nariţa begleitet uns noch bis zum Marktplatz. Mit ihm haben wir den wichtigsten Kenner des Goldbergbaus von Baia de Arieș kennen gelernt. Glücklich steigen wir ins Auto ein und fahren weiter.
Wer einmal in Baia de Arieș ist, sollte unbedingt nach Virgil Nariţa und seinem Privatmuseum fragen.