Trampen

von Anna G

 

Ich habe das getan, wovor mich meine Eltern immer gewarnt haben. Wovor eure Eltern euch gewarnt haben und wovor Ihr eure Kinder warnt. Ich bin per Anhalter gefahren. Getrampt. So richtig mit am Straßenrand stehen, Mittagshitze, Staub und Benzin, Daumen raus halten und warten. Das volle Programm eben. Trotzdem: es geht mir gut. Ich lebe und bin unversehrt. Ich habe keine schlimmen Erfahrungen gemacht. Alles ist gut.
Jetzt macht es aber schon einen gewaltigen Unterschied, wo man trampt und mit wem und überhaupt. Ich bin gute 3 Wochen durch Rumänien getrampt. Oh ja – Osteuropa, ganz gefährlich. Vampire sind da noch das kleinste Übel. Startpunkt war Sibiu/Hermannstadt. Ziel sollte dann am Ende Bukarest sein.

 


Rumänien als Land kenne ich bereits von früheren Reisen. Mit der Sprache klappt es, Hände und Füße dazugenommen, auch ganz gut. Mutig und abenteuerlustig bin ich sowieso. Begleitet wurde ich von einer guten Freundin, die noch nie per Anhalter gefahren ist.
Los ging es in Sibiu: ab an den Straßenrand und warten. Lange Zeit passierte nichts. Viele Autos rasten an uns vorbei. Sahen wir etwa zu lumpig aus? Ich überlegte kurz, welches Bild wir abgaben: frisch gewaschene Kleidung, Haare in Ordnung, zusammengekniffene Augen (die Sonne blendete), die viel zu großen Rucksäcke im Straßengraben verstaut… niemand hielt an. Einige Autofahrer hupten und schrien Unverständliches, andere blinkten und fuhren dann dennoch weiter und wieder andere hielten kurz an, erlaubten sich diesen Spaß und fuhren weiter, sobald wir die Rucksäcke geschultert hatten. Rumänien, was war denn da los??? Immer unter den wachsamen Augen von ca. 30 Fabrikmitarbeiterinnen, die unter dem Schatten eines Baumes auf ihren Bus warteten, standen wir abwechselnd an der Straße. Lag es vielleicht an der Technik? In der Mittagshitze kommt man ja auf die verrücktesten Ideen. Wir hatten ein Schild geschrieben, auf dem „Sighisoara“ stand. Hätte ich es höher halten müssen? Oder für LKW-Fahrer sogar über den Kopf, damit sie auch aus ihrer Fahrerkabine unser Ziel lesen können? Dann hätte die Sonne auch nicht so geblendet – hätte aber vielleicht die potenziellen Fahrer verschreckt, wenn sie eine Person am Straßenrand stehen gesehen hätten, die sich hinter einem Pappschild versteckte.

 

Meine Begleiterin wurde langsam unruhig. „Toll, wie das klappt. Ich dachte das geht hier so gut?!“… Ja, dachte ich ja auch. Just an diesem Tiefpunkt des mittäglichen Wartens hielt ein Auto an. 5 Sitzplätze – alle waren belegt – mit insgesamt 6 Personen. Wir schulterten unsere Rucksäcke, trabten los und machten große Augen, als der Fahrer ausstieg und den Kofferraum öffnete. Breit lächelnd lud er uns mit einer ausladenden Handbewegung in seinen Kofferraum ein. Das ist genau unser erhofftes Abenteuer, prima. Die Rucksäcke waren schnell verstaut und eben genauso schnell war der Kofferraum voll. Wir drehten und wendeten uns, verrenkten uns, legten Arme und Beine kreuz und quer um unsere Rucksäcke und die weiteren Gepäckstücke im Kofferraum. Kofferraumklappe zu, auf geht’s – waren ja nur 10km, dann sollte angeblich schon der Erste aussteigen.

 

 

 


Nach einigen Kilometern stieg wirklich ein Mitfahrer aus und zahlte dem Fahrer etwas Geld.

Als wir raus gelassen wurden und zahlen wollten, winkt unser Fahrer ab, grinste breit und sauste davon.

Nach einem kurzen Aufenthalt in Sighisoara bei Bekannten liefen wir zum Busbahnhof. Wir wollten gerne wieder trampen. Der (sehr strenge, alte) Mann meiner Bekannten begleitete uns aber und achtete genauestens darauf, dass wir auf den Bus warten. Als er außer Sicht war, machten wir uns per Pedes auf zur Ausfahrtsstraße Richtung Brasov. Wir wurden von vorbeilaufenden Menschen angesprochen. Mit Händen und Füßen gaben sie uns zu verstehen, dass es einen Bus gibt, der in die Richtung fährt. Wir waren dickköpfig. Wer die ganze Reise trampen will, steigt nicht einfach in einen Bus. Also standen wir wieder und warteten.
Nach einer Weile des Wartens hielt wieder ein Auto.


Es war sehr klein, sehr alt und sehr voll beladen. Wieder wunderten wir uns, wie wir Platz finden sollten. Der Fahrer sprach gebrochenes Deutsch und wollte, dass wir einsteigen. Als ich den Kofferraum öffnete, um unser Gepäck zu verstauen, sprang er erregt auf. Ich sah, was er meinte: der Kofferraum war komplett voll. Verkramt mit Jagdtrophäen – Geweihen - , einer Jacke, Kabelrolle, vermutlich auch Bügeleisen, Anzug, Pyjama etc. Ich wollte die Beifahrertür öffnen - nicht möglich, gleiches Bild: alles voll. Unterlagen, Papiere, Rechnungen, Sonnenbrillen, Uhren, angebissene Brote, Getränkeflaschen. Eben alles voll.

Blieb uns nur noch die (ebenso vollgestopfte) Rückbank.

Hatte ich schon erwähnt, wie groß unsere Rucksäcke waren?

 

 

 

Sie würden, würden wir sie auf den Schoß nehmen, einen perfekten Airbag abgeben. Leider war das Auto zu klein. Meine Begleitung nahm ihren Rucksack zwischen die Beine und ich setzte mich in die Mitte und legte meinen einmal quer über uns rüber. Anschnallen unmöglich, atmen… es ging so, bequem sitzen: Fehlanzeige. Immerhin hatten wir eine Mitfahrgelegenheit gefunden. Wenn man sich in dem Auto etwas genauer umgeschaute, sah man überall Kreuze. Der Mann schien ein Kreuzsammler zu sein. Aufklebekreuze, Plaketten mit Kreuzen, Silberkreuze, Plastikkreuze zum Aufhängen, Holzkreuze, geklöppelte, gestrickte, gehäkelte Kreuze. Kreuze soweit das Auge reichte, die Fahrt schien unter einem guten Stern, einem guten Kreuz zu stehen.

 

 


So rumpelten wir mit dem kleinen alten Auto durch die Berge. Zwischendurch hielt unser Fahrer an, zeigte uns ein paar tolle Quellen und ging in einen Laden, um sich einen Holzhocker zu kaufen, den er auf dem Beifahrersitz (ja, genau da) verstaute. Es war kein besonders schöner Hocker, aber anscheinend das Ding, was ihm im Auto noch gefehlt hat. Er unterhielt uns wirklich gut. Erzählte aus seinem Leben, von der Politik, seiner Meinung zu diesem und jenem. Meine Begleitung reagierte schon gar nicht mehr. Ich konnte mir immerhin noch dann und wann ein „Hmm… Interessant…Ja…Oh…mh?“ abringen, aber das Gewackel der Straße, die schlechte Luft und die sehr langen Erzählungen machten einfach müde. So schlief ich ein und hörte noch mit halbem Ohr, wie er nochmal richtig ausholte mit seiner Geschichte. Ich wurde wach, als er meine Begleitung ansprach und sehr deutlich fragte „Ist sie jetzt etwa eingeschlafen“? Er setzte seine Erzählung sofort fort.

Weiter ging es dann in einem Transporter von einem jungen Rumänen, der einige Jahre in Kanada gearbeitet hat und jetzt zurückgekommen ist, um seinen kranken Vater zu pflegen. Dann für eine kurze Strecke in einem Auto voller Rüben und Kartoffeln, mit einem dicken, nach Knoblauch und Schweiß stinkenden Mann. Als er uns rausließ, hielt sofort ein junges französisch-deutsches Pärchen und nahm uns mit zu den Vulcanii Noirosi – den Schlammvulkanen. Dort lernten wir Dorus kennen, einen Schulhausmeister aus Holland, der mit einem als Wohnmobil umgebauten Krankenwagen durch Rumänien fuhr. Er versprach uns am nächsten Morgen weiter mitzunehmen. Meine Begleiterin saß auf dem Beifahrersitz und ich auf dem Fußboden hinter den Sitzen.

 

 

 

 Es kam, wie es kommen musste: die Polizei hielt uns an. Sie verlangten die Fahrzeugpapiere und Dorus sowie meine Begleiterin waren sichtlich angespannt. Ich saß als 3. unerlaubte Mitfahrerin hinten und schloss die Augen, absolut sicher, dass sie mich nicht sehen konnten, wenn ich sie (die Polizei) nicht sehe. Der Plan ging glücklicherweise auf – wir durften bis nach Brăila weiter fahren.

 

 

 

Von dort ging es mit einem Reisebus (mit dem sind wir auch getrampt, ja!) weiter bis Galaƫi und dann Tulcea. Nach einigen Tagen im Donaudelta ging es über Constanƫa nach Vama Veche und mit Fahrrädern für einen Tag nach Bulgarien. Erschöpft aber voller Erlebnisse fuhren wir dann mit einem Reisebus nach Bukarest. Die letzte Etappe sollte unsere Erholungsetappe sein, deswegen sind wir dann doch nicht getrampt.

So konnten wir in 3 Wochen viele interessante Menschen und ihre Geschichten kennenlernen und unsere

 Lebensgeschichte gefühlte 27 Mal erzählen. Gerne wieder !