Raus aus Ferentari

 von Grit Friedrich

 

 

Mit Sport und Musik gehen Kinder aus einem Bukarester Problemviertel in eine andere Zukunft

 

Wenn man in Bukarest sagt man geht nach Ferentari, dann erntet man erstaunte  Blicke, denn dieser Stadtteil hat seit Jahren einen extrem schlechten Ruf. Arbeitslosigkeit und Drogen gibt es überall in Ferentari. Die jüngeren Kinder schwänzen immer wieder die Schule. Analphabetentum wurde vererbt, von einer zur nächsten Generation. Alles schien immer so weiter zu gehen. Dann gründete der Menschenrechtsaktivist und Rom Valeriu Nicolae einen Club für Kinder aus dem Viertel. Sie machen dort Hausaufgaben, lernen Instrumente und treiben Sport. Der „Club für alternative Bildung“ gibt Hoffnung in Ferentari.

Warum er ein Modell ist in einer Zeit in der im Westen Europas Ängste vor einer Masseneinwanderung von Roma aus Südosteuropa geschürt werden, hat  Grit Friedrich erfahren.

 

 

 

Totonel folgt mit dem Finger den Buchstaben. Er liest eine kleine Passage aus Pinocchios Abenteuern. Langsam und stockend. 6 Jahre lebte Totonel mit seinen Schwestern allein zuhause. Seine Mutter saß wegen Drogenhandels im Gefängnis. Danach verschwand sie zum Betteln oder Arbeiten ins Ausland. Jetzt wohnt Totonel in einem Heim erklärt Ionela Padure, seine Betreuerin im Club.

 

 

Wenn ein Kind traurig herkommt, dann helfen wir, denn die Kinder sind nicht ohne Grund niedergeschlagen. Die Eltern sagen uns, das sie sehr zufrieden sind mit dem Klub und das sich ihre Kinder zum Guten verändert haben. Die Kinder verbringen weniger Zeit draußen zwischen unzähligen benutzten Spritzen, den vielen Drogensüchtigen und den Prostituierten. Sie lesen lieber ein Buch oder machen Matheaufgaben, die ich ihnen gegeben habe.

  

 

Die Sozialarbeiterin Ionela Padure lebt auch in Ferentari. Im Club für alternative Bildung arbeitet sie seit drei Jahren. Damals kam der Menschenrechtsaktivist Valeriu Nicolae her, um etwas für die Kinder des Viertels zu tun.

 

 

Als wir mit den Nachhilfestunden angefangen haben, lief alles schief. Dann haben wir es mit Fußball versucht. Fußball ist sehr beliebt an Orten wo die Menschen arm sind. Die Idee war, wie kommt man in eine Gemeinschaft, die sehr schwierig ist und dann hatten wir den Einfall die Schule zu nutzen. Die liegt nur 50 Meter neben dem Viertel mit seinen Drogen, den Diebstählen und der Gewalt. Wir haben dann die Direktorin überzeugt uns diesen Raum zu geben.

 

 

Der Clubraum im dritten Stock einer Schule misst etwa 7 mal 7 Meter. Es gibt eine Tafel, ein Regal mit Kinderbüchern, daneben ein Teppich auf dem die Kinder gern lesen. An der Wand gegenüber stehen einige Computer.  Tische und Stühle werden immer wieder neu verteilt im Raum erzählt der 12 jährige Totonel:

 

 

Ich bin einmal mit meinem Freund hergekommen und habe so den Club kennen gelernt. Zuerst habe ich gemalt und dann Hausaufgaben gemacht. Interessant ist etwas Neues zu lernen. Ich möchte Tänzer werden, Streetdance gefällt mir, aber auch andere Tänze.

 

 

Totonel besuchte auch den Schauspielkurs von Sorin Sandu. Der junge Roma-Schauspieler vom Bukarester Theater MASCA  entwickelt kleine Stücke mit den Kindern.

 

Ich versuche nicht ihr Lehrer zu sein, sondern ihr Freund, ich erkläre ihnen vieles. Ich möchte in ihnen den Wunsch wecken aus den Umständen, in denen sie jetzt leben, selbst herauszukommen. Ich bin neugierig was in ein paar Jahren mit diesen Kindern geschehen wird. Nicoleta ist ein Mädchen, das sich früher geprügelt hat. Sie ist immer aufmerksamer und zurückhaltender geworden, hat sich wirklich verändert.

 

 

 

Ich wünsche mir eine glückliche Zukunft. Ich möchte einen Schulabschluss machen und Schauspiel studieren. Und wenn ich kann, möchte ich später mit großen Schauspielern auf der Bühne stehen und Theater spielen oder in Filmen.

 

 

Erzählt Nicoleta, in ihrer Familie leben alle von Sozialhilfe und Kindergeld. Das beträgt in Rumänien 10 Euro pro Kind, davon kann man nicht mal genug Essen kaufen. Von Schulheften, Kleidung, Büchern oder Ausflügen ganz zu schweigen. Nicoleta wohnt bei ihrer Tante, seit ihre eigene Mutter gestorben ist. In zwei winzigen Räumen lebten zweitweise 8 Personen erklärt die Tante von Nicoleta.

 

Wir sind sehr viele in der Wohnung und wir sind nicht zufrieden damit, aber so ist die Situation. In Ferentari stören mich die Hunde und der Dreck. Es ist nicht so schlecht, denn die Leute helfen einander, vor allem die Nachbarn. Ich möchte, dass es den Kindern gut geht und dass sie lernen. Das es jemanden gibt der ihnen hilft.

 

 

Valeriu Nicolae, der den Club für alternative Bildung gegründet hat, und zum Teil aus seiner eigenen Tasche finanziert, ist ein begeisterter Basketballspieler:  Er hofft, das der Sport die Kinder verändert.

 

 

 

Ich möchte den Leuten sagen, schaut es man kann etwas tun. Als ich herkam, haben alle gesagt, ich sei wahnsinnig, es ist unmöglich in diesem Viertel zu arbeiten. Es ist wahr, dass ich von vielen Seiten bedroht wurde. Die Mafiosi hatten Angst, dass sie die Kontrolle verlieren würden über das Viertel. Wenn man etwas mit echtem Interesse und mit Seele macht, dann bewegt sich etwas.

 

 

Die Kinder aus Ferentari vergessen im Club für ein paar Stunden ihre Alltagssorgen und bekommen eine andere Sicht auf ihre Zukunft. Neue Türen öffnen sich. Der Club für alternative Bildung ist ein Modell dass in jedem Ghetto funktionieren würde. In diesem Jahr wurde die Arbeit des Policy Center for Roma and Minorities zum ersten Mal von der Verwaltung des Sectors 5 in Bukarest unterstützt. Ob das auch 2015 weiter geht wissen die Aktivisten nicht.

 

  

Informationen: auf Rumänisch und Englisch

www.policycenter.eu

 

Hier ein Link zu meinem Feature über ein Mädchen aus Ferentari

 http://www.mdr.de/mdr-figaro/nicoleta108.html

 

Und ein Interview zu einem Film über drei Geschwister aus diesem Viertel,

 http://www.mdr.de/kultur/film/dok-toto-interview100.html