A sta de vorba  

Mit dem Zug von Săvârșin nach Sibiu

von Julia Jürgens

 

 

Warten Sie auch auf den Zug nach Sibiu? Gut, ich fahre nicht gern allein. Wann kommt er denn? Zehn Uhr dreißig, und wie spät ist es? Diese Hitze. Schauen Sie mal, dieses Ding, es zeigt die falsche Zeit, ich habe es schon so gekauft, 80 RON mit Karte drin, ein guter Preis, aber sehen Sie, wenn Sie es aufklappen, da, das ist der Verlobte von der Freundin meiner Tochter, sie hat mir das Telefon verkauft. Können Sie das löschen? Immer sehe ich ihn, wenn ich das Ding öffne, wie er aussieht mit den langen Haaren, und meine Bekannten sagen immer, na Florica, hast du einen jungen Freund! Wenn Sie das löschen könnten. Und die Uhrzeit. Ich war in fünf Läden, und die haben es nicht geschafft, wegen der Sprache, die wussten gar nicht, welche es ist, ich auch nicht, Sie? Na, so können wir das nicht einstellen, haben sie gesagt, Sie müssen erst die Sprache ändern, aber wie denn, ich kenne mich doch gar nicht aus, ich bin doch eine alte Frau, na.

Wollen Sie ein bisschen? Mit Käse, nein, aber einen Suc nehmen Sie? Der ist kalt, ich habe ihn aus dem Kühlschrank genommen, in Arad. Wo kommen Sie her? Sind Sie Deutsch-Deutsch oder Deutsch-Rumänisch? Bravo, wie gut Sie Rumänisch sprechen, doch, Sie verstehen ja alles. Ich war auch in Deutschland, in Levenkusen, ja, so hieß es. Ich habe einen Alten gepflegt, zehn Jahre ist das her. Verwaltungsdirektor war er, und wissen Sie, was er im Monat verdient hat: Achttausend. Achttausend Euro, ja, er war Pensionär, über 90. Fetig hat er gerufen, komm, fetig, dann musste man laufen. Ich konnte ja kein Deutsch. Guten Morgen, gute Naht. Aber es hat mir gefallen, Levenkusen, alles so sauber, und der REWE, vai, die schönen Läden, ich habe manchmal einen Kaffee getrunken dort am Sonntag. Mir haben sie 800 gezahlt, na. Harte Arbeit, jeden Tag. Geraucht hat der Alte, er durfte nicht wegen der Lunge, aber eine nach der anderen hat er geraucht. Und dann ist er gestorben. Doch, ich wollte bleiben, wie denn nicht, es war keine schlechte Zeit. Aber ich kannte ja niemanden dort, na so ist es.

Sind Sie allein? Ich will nicht neugierig sein, aber sind Sie verheiratet? Ah. Besser so. Besser man ist sie los. Ich war auch verheiratet, ein paar Jahre ging es gut, dann ist er weg, nach Amerika. Mit vier Kindern, zwei aus dem Waisenhaus hat er mitgenommen und zwei von der Frau, na, mit der er gegangen ist, und mich hat er sitzen lassen mit dem Kind noch im Bauch. Ich habe es geboren im Dezember neunundachtzig. Ja, während der Revolution, ich habe die Leute schreien gehört draußen, und vielleicht haben sie mich auch gehört, die Klinik war gleich gegenüber von dem Platz, wo sie sich versammelt hatten. Es war das erste Kind, nein, ich wollte, natürlich, man weiß nie, was mit dem einen passiert, aber Gott hat es nicht gewollt. Gott hat es entschieden. Es war eine schwere Zeit, sehr schwer. Sehr schwer.

Ich komme aus der Maramuresch, aus Botiza, warst Du in der Maramuresch? Ja, in der Nähe vom Fröhlichen Friedhof. Mein Bruder und meine Schwester leben dort, auch mein Neffe. Bist Du bei Facebook? Na, Du solltest ihn Dir einmal angucken, er hat ein Foto dort, vierundzwanzig ist er, da wäre doch kaum ein Unterschied. Soll ich ihn anrufen? Nein, Du musst nicht mit ihm sprechen, ich erzähle ihm schonmal von Dir. Er ist ein guter Junge, er raucht nicht und trinkt nicht. Er studiert. Politik und. Na. Schreib Dir seinen Namen auf. Wie ist Dein Name, ich habe Dich ja gar nicht gefragt. Iulia. Und auf Deutsch? Auch? Iulia. Seit wann bist Du geschieden, hast Du gesagt? Hat er Dich geschlagen? Du hast Glück gehabt.

 

Meine Tochter, nein, sie lebt in Spanien. Bei Madrid, sie arbeitet in der Fabrik, Textilien, sie färben sie. Eine schwere Arbeit. Sehr schwer. Sehr schwer. Ihr Magen ist krank von den Dämpfen, sie ist so dünn geworden. Ja, die Krise, auch in Spanien, aber sie hat sich noch vorher ein Haus gebaut, ein schönes Haus ist es, 200 Quadratmeter und zwei Etagen. Nein, sie hat ja erst geheiratet letztes Jahr. Einen von hier. Sie kommt nicht oft, sie kann nicht, sie hat so wenig Ferien, und ich kann nicht mehr nach Spanien fahren, es ist zu weit. Na. Es liegt in Gottes Hand. Hast Du Kinder? Seit wann bist Du geschieden, hast Du gesagt? Vai, schau wie glatt Deine Haut ist.

Wie spät ist es? Du hast es ja eingestellt, doamne, und das Foto, wie hast Du es gelöscht! Ich muss Maria anrufen. Maria, hörst Du mich? Ich bin im Zug nach Sibiu, ich sitze hier mit einem jungen Mädchen aus Deutschland, stell Dir vor, das hat mein Telefon repariert! Na, die Uhrzeit war falsch und das Foto hat sie gelöscht, das Foto von Lilianas Verlobten! In fünf Läden war ich, und sie haben es nicht geschafft. Und weißt Du, Maria, das Beste ist, sie hat ein Bild dort hingetan, ein Herz im Sand, und wenn du darauf schaust kommen Wellen, die spülen es weg, ha ha. Während du hinschaust, kommen die Wellen, sie hat das eingestellt. Na, im Telefon. Wenn du es öffnest. Hörst Du mich? In einer Stunde sind wir da. Ich küss Dich, Maria, wir sprechen noch.

Ich habe Maria von Dir erzählt! Sie ist eine Kusine, vom Vater der Bruder die Tochter. Irina, wie schmal Dein Bauch ist, ich darf einmal, sei nicht böse. So schmal. Wann hast Du Dich scheiden lassen, sagst Du? Hat er getrunken? Vai, schau wie grün alles ist, und dort die Berge, es ist ein schönes Land. Ist es nicht so? Die Berge und das Meer und die Wälder. Wie schön es ist. Sehr schön. Noch fünf Minuten sind es? Ich war erst einmal in Sibiu, ich kenne mich dort gar nicht aus, aber ich werde abgeholt, vom Bahnsteig. Hai, lass mich Dir meine Nummer geben, das nächste Mal, wenn Du nach Rumänien fährst, kommst Du nach Arad, ich zeige Dir den Fluss, wo man gut baden kann, und dann fahren wir nach Botiza. Du kannst dort wohnen bei meiner Schwester, Du wirst sehen, wie schön es ist, sie hat Pferde. Und die Kirchen dort sind aus Holz, alte Kirchen von, Du glaubst doch, Irina? Es gibt Menschen, die nicht glauben, sie glauben nicht, dass es Gott gibt, wie kann man nicht an ihn glauben.

In Prislop beim Kloster, warst Du dort? Auf dem Berg, Du kennst es. Ich war einmal, vai, mir hat das Herz gebebt, verstehst Du mich, mein Inneres, schau, so. Es gibt eine Ikone dort, sie ist heilig, und was Du Dir wünschst, geschieht. Eine Nachbarin war dort, sie hat keinen Mann gefunden, dem einen hat sie zu wenig verdient, dem anderen war sie nicht hübsch genug, na. Sie ist nach Prislop gefahren, und drei Monate später war sie verheiratet. Ja, Du kannst dorthin fahren, nein nicht so, Du musst Dir etwas um die Schultern legen und einen langen Rock. Du solltest gehen, wie lange hast Du in Sibiu? Guck nur die Felder, alles blüht, so frisch, es ist ein schönes Land, aber die Zigeuner überall, sie machen alles zu Staub. Komm her Irina, siehst Du dort hinten, dort stehen sie, nimm Dich in acht. Lass Dich küssen, Irina, eine gute Reise und ruf mich an.

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A sta de vorba (rumän.) = sich mit jemandem unterhalten, wörtlich „ein Gespräch stehen“