Herr Schuster ist krank

 

von Michaela Nowotnick

 

Zeichnungen Anja Nolte

 

 

 

 

 

 

Liebe Freunde,

 

Herr Schuster ist im Krankenhaus. Sofort nach unserer Ankunft kommt Herr Gross auf den Burgberg gelaufen, um die Neuigkeit mitzuteilen. Es sei etwas mit dem Fuß, bei seinem Sohn habe es auch so angefangen und dann war es Krebs. Man könne ja nie wissen. Die Frage, ob er einen Kaffee wolle, verneint Herr Gross und schlingert Richtung Tal. Ich rufe ihm hinterher, ob es ein Schnaps sein dürfe. Der alte Gross wendet behände und verbringt zwei selige Stunden im Pfarrgarten.

Mit christlicher Erbauungsliteratur – eingewickelt in Kindergeschenkpapier – unter dem Arm mache ich mich am nächsten Tag auf, Herrn Schuster zu suchen. Im Dorf ist man sich einig, dass er auf der Dermatologie liegen würde und die im großen Hospital in Hermannstadt zu finden sei. Wo sie genau wäre, darüber scheiden sich die Geister.

In Hermannstadt angekommen stapfe ich durch lange Gänge, links und rechts sitzen Menschen auf Holzbänken. Im Anmeldezimmer schreibt eine Schwester mit langen, rosa lackierten Fingernägeln viele klein gerissene Zettel voll. Ich nehme allen Mut zusammen und frage nach der Dermatologie. Wo meine Überweisung sei, werde ich gefragt. Nein, nein, ich habe keine Überweisung. Sie mustert mich und gibt zu bedenken, dass der Herr Doktor gerade nicht viel Zeit hätte und ich trotzdem warten müsse. Nach einiger Zeit kann ich ihr begreiflich machen, dass ich nur jemanden besuchen möchte, und werde augenblicklich nach draußen befördert. In einer weitläufigen Parkanlage finde ich endlich das richtige Gebäude. Ein Arzt im grauen Bademantel, den er als Kittelersatz trägt, fragt, was ich wolle, und ich frage nach Thomas Schuster. Toma Schuster würde er hier heißen und er befände sich nicht mehr auf der Station. Ich solle in die Neurologie gehen. Im Park angekommen suche ich erneut und übe dabei, das Wort Ne-u-ro-lo-gi-e so auszusprechen, dass ein Rumäne mich verstehen kann.

Die drei fegenden Zigeuner haben keine Ahnung, wo die Neurologie ist. Der lustwandelnde Arzt zeigt mir eine vage Richtung an, nur der rauchende Pförtner ergreift sofort die Initiative: Er ruft laut, wer denn auch in die Neurologie ginge, und gibt mich einem Mann zur Seite.

Im Gebäude angekommen werden die schlimmsten DDR-Kindheitserinnerungen wach: Auf den langen dunklen Gängen schlägt mir dumpfer Uringeruch, vermischt mit dem nach Reinigungsmitteln und Essen entgegen.  Es dauert eine Weile, aber endlich habe ich meinen Burgberger Nachbarn Herrn Schuster gefunden. Dieser liegt seit Wochen waagerecht in einem Metallbett, das wohl einmal weiß lackiert gewesen war. Unter ihm eine Gummimatte, über ihm eine stockfleckige Bettdecke, aus der die raue Wolldecke heraushängt.

Seine Nachbarin wäre aus Deutschland gekommen, verkündet er laut und freut sich umso mehr, als ich mich zu ihm aufs Bett setze. Der einzige Stuhl ist von einer jungen Zigeunerin in pinkfarbenen Hausschuhen belegt, deren Mann einen Schlaganfall hatte und nicht mehr sprechen kann. Freunde und Verwandte dieses Mannes haben es sich auf dem einzigen freien Bett bequem gemacht und schlafen den Schlaf der Gerechten, er antwortet ja sowieso nicht, wenn man ihn etwas fragt.

 

 

 

 

Herr Schuster redet ohne Pause.  Von seinen Bienen, der Nachbarin, der baptistischen Kirche, der Schule, seinem Vater ... Kurz unterbrochen werden wir nur von zwei dicken Frauen, die aus offenen Blechwischeimern Suppe verteilen. Ob er nicht essen wolle? Wo ich hindenken würde, sagt Herr Schuster und verweist auf die Lebensmittelberge neben seinem Bett. Täglich würden Burgberger vorbeikommen und ihn versorgen. Neben der Zwei-Literflasche Milch stehen dort diverse Schüsseln und Dosen mit Essen, dazu Kuchen, Schokolade, Brause. Ich könne ja die Suppe essen, wenn ich Hunger hätte. Allein der Gedanke daran lässt mich würgen.

 

Nach eineinhalb Stunden muss ich wirklich los. Bevor ich gehe, verspreche ich Herrn Schuster, sein Bienenvölkereinfanglehrling zu werden, er kann dieses Jahr wohl nicht auf Bäume klettern. Eine Gürtelrose vom Knöchel bis zur Hüfte. Man wollte ihm Morphium gegen die Schmerzen geben, aber das hätte er entrüstet abgelehnt: Er lässt sich doch nicht abhängig machen. Während ich möglichst schnell versuche, das dunkle Krankenhaus zu verlassen, denke ich darüber nach, ob 86 nicht ein gutes Alter für Morphium ist.

Nach Hause entlassen hat Herr Schuster weiterhin große Schmerzen. Das, was bei Kindern Windpocken verursacht, hat in seinen Beinen die Nerven zerfressen und ihn vorerst ans Bett gefesselt. Hund Ricky, der niemanden außer Herrn Schuster akzeptiert, wird nun von den Nachbarn gefüttert und hat dabei zugenommen, vor allem am Hals. Und weil es momentan sehr langweilig ist auf dem Schusterhof, hatte er Zeit herauszufinden, wie man sich das Halsband über den Kopf zieht. Frei geworden verbellt er alles und Jeden, der das Türchen zum Hof aufstoßen will. Leider auch den Nachbarn, der das Essen hinüberbringt, und auch die Nachbarin, die das Feuer im Ofen anmachen möchte.

 

Mein Telefon klingelt. Herr Schuster fragt, ob ich den Hund festmachen könnte, es traut sich niemand heran. Ich packe meine Taschen voller Hundefutter und gehe nach unten. Anja, die gerade den Frühling in Burgberg verbringt, erklärt sich bereit mitzukommen. Draußen steht Luca, der im Wachschutz arbeitet, und sagt, dass ich den Hund ja besser kenne und vor allem selbst einen hätte.

Ricky mit Futter bestechend legen wir ihm das Halsband wieder um, zurren es fest und befestigen ihn an der Kette. Noch während wir in Herrn Schusters Küche einen Kaffee trinken, hat sich Ricky wieder frei gemacht.

 

 

 

 

 

In den nächsten Tagen werden wir mehrmals täglich gerufen und probieren die unterschiedlichsten Tricks: Halsband enger machen, ein Hundegeschirr kaufen, die Kette mit Schrauben um den Hals legen. Die Sehnsucht von Ricky ist größer, denn eigentlich möchte er immer nur ins Haus zu seinem Herrn. Wenn er das erreicht hat, liegt er lammfromm neben dessen Bett uns lässt sich streicheln.

 

Anja sitzt derweil bei Herrn Schuster und zeichnet ihn, was dieser eigentlich nicht gut findet. Schließlich würde er am Tag auf dem Bett liegen, anstatt zu arbeiten. Und einen Hut hätte er auch nicht auf, noch nicht mal die Weste angezogen.

Dann erfahren wir noch sehr viel über Bienenzucht, denn, so Herr Schuster, die Nachbarn würden sich ja auch nicht ins Bienenhaus trauen, und einer müsste ja mal in den Kästen nachsehen … So beginnt die Ausbildung zum Bienenlehrling in der Küche von Herrn Schuster. Das gesammelte Wissen stammt aus einem Buch mit dem Titel Der Bien und seine Zucht und wurde von einem siebenbürgischen Pfarrer geschrieben. Es beginnt mit dem Satz: „Jetzt, da der große Krieg vorbei ist, können wir uns endlich wieder der Bienenzucht widmen.“ Herr Schuster meint, nach 1919 wäre in der Bienenzucht nicht viel an Neuerungen hinzugekommen und erklärt ausführlich das Wachsschmelzen, das Rähmchenbauen und das Propoliskratzen.

 

Wie die praktische Umsetzung des neu Erlernten aussieht und wie sich endlose Sommertage in Burgberg gestalten, davon beim nächsten Mal.

 

Eure

Michaela

 

 

Anjas Blog  http://anjanolte.com/blog/

Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Bent Kvisgaard, Edition & Druckerey Wumbaba!

 

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