Architektonischer Streifzug durch Bukarest

15 Bauwerke mit bewegter Geschichte als Reiseführer durch die Hauptstadt

Von Nina May
Fotos George Dumitru

„Bukarest wiedergefunden” - so lautet der Titel der Ausstellung, die der Fotograf George Dumitriu für den Alumnus-Club der UNESCO in Rumänien vorbereiten sollte. Das Motto legt nahe, dass es hier mal nicht um klassische Sehenswürdigkeiten geht. Eher darum, einen Bogen zu schlagen zwischen alt und modern, Geschichte und Gegenwart, Bekanntem und Entdeckenswertem. Um Bauwerke, die eine interessante Metamorphose hinter sich haben, architektonisch oder historisch. Auf Fototouren durch die Hauptstadt, an denen ich mich als „Objektivträger“ beteiligen durfte, und später bei der Gestaltung des Ausstellungskatalogs, entfaltete sich nach und nach das Profil dieses „wiedergefundenen“ Bukarest: Das Porträt einer lebendigen Hauptstadt, voll spannender historischer Facetten, von Bukarester Architekten im Laufe der Zeitimmer wieder neu interpretiert.

Bucur esti - du bist Bucur. So heißt sie, unsere Hauptstadt! Benannt nach dem Hirten namens Bucur – wohl von „bucurie“, auf rumänisch Freude – der auf einem Hügel im dichten Wald nahe der glitzernden Dâmbovita ein Holzkirchlein errichtet haben soll. Wir beginnen unseren Spaziergang bei der Kirche Bucur Ciobanu, Strada Radu Voda Nr. 33: Archäologische Funde aus dem Jahr 2007 – drei steinerne Treppenstufen unter der Erde – bestätigen das Alter des Baus, der von Mircea dem Alten 1416 durch eine Steinkirche ersetzt worden war. „Hier liegt die Wiege der Festung,“ sagte Nicolae Iorga 1939, indem er sich auf Überlieferungen berief.

Was mag der Hirte hier erlebt haben? Eine spirituelle Erleuchtung in der Einsamkeit der Natur? Dankbarkeit für eine göttliche Fügung? Überschäumende Freude, die ihn mit himmlischen Sphären verband? Wir erklettern die steile Treppe zu dem von modernen Glasbauten umrahmten, winzigen Kirchlein, das mit seinem pilzförmigen Schindeldach wie eine Insel aus der brodelnden Stadt aufragt. Innen angenehme Kühle, schlichte weiße Wände, hölzerne Säulen, geschwungene Arkaden. Prachtvolle Ikonen und der erhebende Duft von Weihrauch. Dieser heiligen Atmosphäre bereitete Sultan Sinan Pascha mit der Eroberung von Bukarest 1595 ein jähes Ende.

Wie oft sind wir schon am Sitz des Architektenordens „Ion Mincu“ in der Strada Arthur Verona Nr. 19 einfach vorbeigegangen? Ein näherer Blick lohnt sich: Im Innenhof lädt ein luftiges Gartenlokal häufig zu Ausstellungen und Vernissagen ein. Unter dem hölzernen Dachboden, wo ein apartes Bienenfresko, eine futuristische „Stuckaugen“-Lüftung und andere architektonische Kuriositäten der heimeligen Atmosphäre Charme hinzufügen, werden oft Konferenzen abgehalten. Erbaut von Ion Mincu (1852-1912), dem Vater des neo-rumänischen Stils, später eine Zeit lang bewohnt vom Dichter Ion Luca Caragiale, ist dies eines der geschichtsträchtigsten Häuser Bukarests. Wohl aus diesem Grund wurde es vom Architektenorden durch Spendensammlung erworben, die alte Struktur liebevoll renoviert und mit interessanten modernen Stilelementen kombiniert.

Nach anstrengendem Stadtbummel schnell einen Tee trinken? Auf der Suche nach einem originellen Buch-Geschenk? Unterwegs zu einer Vernissage, Diskussionsveranstaltung, Lesung? Die Buchhandlung Carturesti in der selben Straße ist ein Fokus kulturellen Lebens in Bukarest. Selbst in den Fokus gerückt, fasziniert sie durch gewagten Stilmix: Die gelbe Decke im Parterre mit Glühbirnen-Umrandung, deren Kabelstränge sich in der Raummitte vereinen. Holzfenster, Truhen, Türen und Spiegelrahmen, in gelben bis erdfarbenen Tönen auf beigem Grund filigran bemalt. Eine knarrende Treppe führt zum hölzernen Dachboden: minimalistisch, rustikal. Ein witziger Kontrast dazu: die quietschbunte Kinderabteilung. In diesem Haus verschmilzt Antik mit Hypermodern: Goldglanz trifft auf rohe Balken, rustikal auf kostbar verschlungen - gelungen! Die Geschichte des Hauses: 1883 erbaut, gehörte es erst dem Liberalen und späteren Premierminister Dimitrie Sturdza. 2000 gelangte es erneut in den Besitz der Familie Sturdza und wurde vom Präsidenten des Architektenordens Serban Sturdza, der sich auch der „Casa Mincu“ angenommen hatte, renoviert. Er entschied, dass dort eine Buchhandlung eingerichtet werden sollte, um der Bücherleidenschaft seines Großvaters Rechnung zu tragen.

Am anderen Ende der Straße Verona liegt der Ikonengarten, an den das Gebäude der Zentralen Schule angrenzt, 1851 vom Fürsten Barbu Stirbey als Mädchenpensionat gegründet. Seine architektonische Raffinesse verdankt es den 1890 vom Architekten Ion Mincu hinzugefügten Fenstern, Arkaden und Dekorelementen aus glasierter Keramik, wie den Namen berühmter historischer Frauen an der Fassade: Elena Rares, Doamna Chiajna, Domnita Balasa, Elena Cuza und Carmen Silva.

Zwischen den Boulevards Magheru und Vasile Lascar lockt die Strada Calderon mit Villen, deren Stil von Art Deco bis Neugotik reicht. Haus Nr.48, das Kulturzentrum für Architektur, wurde 1898 von Zigfrid Kofczinsky, der auch die berühmte Brauerei „Caru cu bere“ erbaut hatte, errichtet. Dieser war von König Karl I. ins Land gerufen worden, um sich am Bau des Peles -Schlosses in Sinaia und des Kulturpalasts in Jassy/Iasi zu beteiligen. Das Gebäude ist vor allem von innen sehenswert. Wie viele andere, sonst nicht öffentlich zugängliche Gebäude kann man es am Tag des offenen Denkmals, der europaweit Mitte September gefeiert wird, besichtigen.

Ein Farbtupfer gegen Großstadtgrau ist diese lustige Arche Noah des Künstlers Virgil Scripcariu vor dem Carturesti-Gebäude.

Vom Boulevard schlendern wir in Richtung Süden zurück zu dem Abschnitt, der nun Bratianu heisst. Vorbei am bizarren ArCub Gebäude im Art Deco Stil, dem heutigen Kulturzentrum der Hauptstadt in der Str. Batistei Nr. 14, das einst das luxuriöseste Kino der Stadt, das „Fantasio“, beherbergte – und nach dem Zweiten Weltkrieg die Vereinigung zur Festigung der Beziehungen zur Sowjetunion.

Die „Sankt Georg dem Neuen“ geweihte Kirche am Boulevard Bratianu Nr. 49 ist mit gleich drei berühmten Namen verknüpft und gilt daher als spirituelles Zentrum des Landes – wovon auch der vor dem Bau angebrachte symbolische „Kilometer Null“ zeugt. Ursprünglich aus Holz, wurde sie von Constantin Brâncoveanu wieder aufgebaut und 1707 geweiht. Heute enthält sie die Reliquien des in Istanbul geköpften, mittlerweile heilig gesprochenen Wojewoden und seiner Söhne, deren Rückführung seiner Frau Maria zu verdanken ist. Auch die Trauerfeier des Dichter Mihai Eminescu hat in diesem prachtvollen Gotteshaus stattgefunden.

Auf dem Weg zur Parallelstraße, der Calea Victoriei, die sich von Norden bis Süden durch die Hauptstadt zieht, schlendern wir am Sitz der rumänischen Architektenvereinigung vorbei. Ob geschmackvoll oder nicht - beeindruckend wirkt die alte Fassade mit dem modernen Glasaufbau an der Ecke des Revolutionsplatzes allemal. Wegen seiner Nähe zum Zentralkomitee war es einst Sitz der 5. Direktion des Innenministeriums, dem Teil der Securitate, der für den Schutz der Familie Ceausescu zuständig war.

In der Strada Tache Ionescu Nr. 4 treffen wir auf eine der Villen, die Bukarest einst den Beinamen „Klein Paris“ eingebracht hatten, erbaut von französischen Architekten, oder von einheimischen, in Frankreich ausgebildet. Die 1907 errichtete, mit Säulen, Balkonen und Konsolen reichverzierte Villa, ist heute Sitz der Stadtbibliothek.

Auf der Calea Victoriei liegt auch die Zentralbibliothek der Universität, errichtet vom Architekten des gegenüberliegenden Königspalasts, Paul Gottereau, 1895 von König Karl I. eröffnet. In der Zwischenkriegszeit konferierten hier Mircea Eliade, Nicolae Iorga und Mihail Sadoveanu. Als Bibliothek seit der Nachkriegszeit wurde es bei der Revolution 1989 schwer beschädigt und eine unschätzbar wertvolle Sammlung alter Bücher und Manuskripte ging verloren.

Das heutige spirituelle Zentrum der Orthodoxie liegt im Patriarchenpalast auf dem Mitropolitenhügel. 1859 wurde das Gebäude als Sitz der Abgeordnetenkammer errichtet, jedoch später durch eines der ersten Stahlbetongebäude, die zwischen 1906 und 1908 erbaut wurden, ersetzt. An diesem Ort fiel 1864 die Entscheidung zur Vereinigung der rumänischen Fürstentümer durch die Wahl von Alexandru Ioan Cuza als Herrscher.

Die Bukarester lieben ihren Parlamentspalast nicht, auch wenn er nach dem Pentagon das zweitgrößte Gebäude der Welt ist, sagen viele. Zu sehr erinnere er sie an die Gran­domanie ihres ehemaligen Diktators, der 1984 den Grundstein legen ließ und seine Fertigstellung nicht mehr erlebte. Die „Lange Nacht der Museen“ belehrt uns eines Besseren: Vor hell erleuchteter Fassade mit futuristischen gläsernen Liftschächten begehrt eine nicht enden wollende Menschenschlange Einlass. Auf den Treppen unter den Säulen hocken Grüppchen und Pärchen. Längst haben die Bukarester ihr „Haus des Volkes“ zurückerobert! Als Tourist lohnt nicht nur eine Führungen durch den historisch bedeutenden Trakt und das heutige Parlament, sondern auch ein Besuch im Museum für moderne Kunst, von dessen Café in der letzten Etage aus man einen herrlichen Blick auf die ausgedehnte Stadt werfen kann.

Teil der Ausstellung sind weiters: das Gebäude des Bauernmuseums, von König Karl I. erbaut – später Museum der kommunistischen Partei; das Tepes-Schloss im Park Carol, das wie eine mittelalterliche Festung anmutet - leider nicht zu besichtigen, weil Sitz des Nationalen Amts für Heldengedenken; sowie die moderne, zwei Kilometer lange Basarab Hängebrücke, mit 44 Metern Breite rekordverdächtig in Europa. Als bedeutendstes ziviles Bauwerk Anfang des 21. Jahrhunderts verkörpert es das moderne Bukarest.