Rumänien?

  Haben die da überhaupt was zu Essen?   

 

Text und Fotos:

Matthias Kühn und Katrin Meißgeier

    

Diese war eine der Fragen, mit denen wir uns im Sommer 2013 konfrontiert sahen, wenn das Ziel des bevorstehenden Jahresurlaubes zur Sprache kam. Nicht, dass wir uns hierdurch ernsthafte Sorgen um unser leibliches Wohlergehen gemacht hätten. Auch hatten wir keine Angst, morgens in einem Auto zu erwachen, dass anstelle von gummibereiften Rädern nunmehr über Ziegelsteine den Kontakt zum Boden hält. Hierfür wurde uns von den zum Bekanntenkreis zählenden "Rumänienkennern" genügend Positives über das Land berichtet. Allerdings waren wir als "Frischlinge" doch einigermaßen gespannt, was uns im "Armenhaus Europas" erwarten würde.

 

Nachdem die Gelegenheit genutzt wurde, sich auf zwei Schulanfangsfeiern im Sächsischen noch einmal richtig satt zu essen, geht es am 25. August los in Richtung Rumänien. Mit Zwischenstationen nahe Krakau (PL) und im Tokajer Weingebiet (H) wird zwei Tage darauf die rumänische Grenze bei Satu Mare erreicht - das Abenteuer kann beginnen. Für den Anfang wollen wir ein Hotel oder zumindest einen Campingplatz für die Übernachtung wählen. Ein Campingplatz lässt sich jedoch nicht entdecken und die Hotels sind aufgrund der scheinbar allerorts stattfindenden Hochzeiten restlos ausgebucht. Entsprechend groß ist die Freude, als sich am Ende der nächtlichen Suchfahrt am Pasul Huta nicht nur ein kleiner Berggasthof mit Zimmern, sondern ebenda auch noch eine geöffnete Küche findet. Rumänien heißt uns also willkommen.

 

           

Nach zwei Tagen in der Maramures, aus der uns leider ein Dauerregen vorzeitig vertreibt, steuern wir weiter in südliche Richtung. Nun schon etwas "mutiger", wird wild auf einem Hügel am Stadtrand von Bistriţa campiert - mit großartiger Aussicht zum Frühstück. Beim morgendlichen Rundgang durch das Städtchen fallen nicht nur viele gemütliche Cafes, Bars und Kneipen, sondern auch Bäcker mit jeweils nur einem Verkaufsfenster zur Straße hin auf. Die aus selbigem gereichten, zumeist als Covrig betitelten Backwaren werden unverzüglich verkostet und für ausgesprochen lecker befunden. Wer jemals ein ofenwarmes Covrig cu Ciocolată in den Händen hielt, weiß, wovon die Rede ist.

                 

Nachdem die ortsansässigen Brezelbäcker ausprobiert und Straßen- sowie Wanderkarten in kleinen, aber gut sortierten Buchhandlungen erworben wurden, soll es an den Colibița-Stausee am Fuße des Călimani-Gebirges gehen. Jedoch gilt es zuvor - der Empfehlung eines Exilrumänen folgend - am Straßenrand noch einen Campingkochtopf voll Heidelbeeren zu kaufen - gar nicht so leicht, wenn die Standardverkaufseinheit ein Wassereimer ist! Die blauen Beeren werden wenig später auf dem Gaskocher zu Kompott verarbeitet und versüßen somit in den darauffolgenden Tagen das Morgenmahl.

            

 

Auf der Weiterfahrt in Richtung Osten wird der geleerte Kochtopf bei einem fliegenden Pilzhändler - nicht mit Fliegenpilzen, sondern mit frischen Pfifferlingen befüllt. Einkäufe am Straßenrand sind in der Regel (dank unserer nicht vorhandenen Sprachkenntnisse) nur mit Händen und Füßen zu bewerkstelligen, führen schlussendlich aber bei allen am Handel Beteiligten stets zu fröhlichen Gesichtern. Noch vor Erreichen von Vatra Dornei werden wir erneut vom Weg gelockt - dieses Mal von einem quer über die Straße gespannten Banner, welches an betreffendem Tag das "Festivalul Fructelor de Padure" verheißt. Unweit der Fernstraße werden also im Örtchen Coșna die Früchte des Waldes gefeiert - mit Tanz und Musik, mit Verkaufsständen, die neben Marmeladen, Säften, Tee, Obstwein und Schnäpsen auch Kunst- und Gebrauchshandwerk anbieten und nicht zuletzt mit Grillstationen, die einen Thüringer Rostbräter blass werden lassen. Hier werden Hackfleischrollen, Würste, Speck usw. gegart, als gäbe es kein morgen. Ähnliches trifft für den Ausschank und Konsum von Bier und Obstbränden zu. Begeistert von der rumänischen Kirmes setzen wird irgendwann die Reise fort und können gerade noch im letzten Tageslicht ein schönes Plätzchen an der abenteuerlichen Straße hinauf ins Rarău-Gebirge in Besitz nehmen. Im Schein der Stirnlampe werden die Pfifferlinge zubereitet, während die Lichter im Tal mit den Sternen um die Wette leuchten.

            

 

Nach einer Wanderung zum Kloster "Sihăstria Rarăului", der ehrfürchtigen Besichtigung von Kletterrouten an den Pietrele Doamnei (unser Seil bleibt im Rucksack) und einer weiteren Nacht in den Bergen (mit obligatorischem Lagerfeuer) sind uns die Frühstücksvorräte ausgegangen. Dieses "Problem" wird in der Cabana Rarău gelöst, indem man uns Teller auf den Tisch stellt, die wir nur unter Zuhilfenahme einer zufällig im Rucksack befindlichen Tupperdose geleert bekommen. Gestärkt für den Rest des Tages geht es hinab ins Tal und über die Moldauklöster Moldoviței, Voronet und Humorului nach Târgu Neamț und weiter an den Lacul Bicaz - Rumäniens größten Stausee.

 

     

 

Noch immer knapp mit den Essensreserven - schließlich gibt es über den Tag so viel zu sehen, so dass man die Zeit nicht mit Einkaufen verplempern kann - nutzen wir die nahezu in jedem kleinen Ort existierenden, scheinbar rund um die Uhr geöffneten Tante-Emma-Läden und stellen nebenbei fest, dass es zu Hause für derartige "Notsituationen" nur noch die Tankstelle um die Ecke gibt. In den kleinen Geschäften bekommt man - mit etwas Glück - sogar abends halb zehn noch frisches Brot.

 

 

 

Am nächsten Morgen zieht uns das auf der Westseite des Sees gelegene Ceahlău-Massiv in seinen Bann. Da müssen wir hoch! Für die Erkundung des Nationalparkes Ceahlău bietet sich das Örtchen Durău an. Auf dem Weg dorthin decken wir uns bei einer Händlerin an der Straße mit Obst und Gemüse ein - häufig die einfachste Art der Nahrungsbeschaffung, preiswert und "bio" vermutlich auch. Wenig später steigen wir mit vitaminreichem Gepäck und einer Rangerkarte in der Hand zur Cabana Dochia auf.

       

 

Die Hütte selbst ist in einem nur bedingt heimeligen Zustand. Trotzdem wird es ein lustiger Abend, denn die Jungs von der Bergwacht feiern im Gastraum Geburtstag und für alle "Komforteinschränkungen" der Herberge entschädigt das Hüttenpanorama tags darauf.

 

 

 

Zurück im Tal werden im Klosterladen noch zwei drei Marmeladen von den Früchten des Waldes gekauft und dann geht es über Bicaz und die gleichnamige Schlucht - Felsen bis in den Himmel, aber das Kletterzeug bleibt auch hier eingepackt - in Richtung Westen. Nahe dem Pasul Bucin wird auf einer Lichtung übernachtet. Bären kommen trotz der Ankündigung einheimischer Jäger keine vorbei, aber am frühen Morgen schon die Pilz-und Beerensammler. Bereits am Vormittag stehen Sie dann mit Ihren Eimern an der Passstraße und bieten deren Inhalt zum Kaufe an.

 

 

Angekommen in Sighişoara warten dort nicht nur die bekannten Covrigi auf uns, sondern auch ein Stadtfest, bei dem wir deren Konkurrenz kennenlernen: Kürtoskalács. Der auf hölzerne Walzen gewickelte, über dem Grill knusprig gebackene und abschließend in Zimt und Zucker, gehackten Nüssen oder Kokosraspel gerollte Teig ist v.a. warm genossen eine Köstlichkeit. Da die hierbei aufgenommenen Kalorien nicht allein durch die Besichtigung von Kirchenburgen verbrannt werden können - sofern man sich nicht alle der in Siebenbürgen sehr zahlreich zu findenden Zeitzeugen anschaut - müssen wieder einmal die Wanderstiefel geschnürt werden.

             

            

 

 

 

Von Avrig aus fahren wir in eines der langen, nordwärts gerichteten Täler des Făgăras und laufen vom Ende des Fahrweges hinauf zur Cabana Negoiu. Trotzdem die Abendbrotteller auf der Hütte restlos leergeputzt werden, regnet es sich in der Nacht ein, so dass am nächsten Tag der Gipfelsturm auf den Vârful Șerbota im Nebel bzw. den regennassen Sachen stecken bleibt.

               

 

Die nachfolgenden "Erholungstage" werden im schönen Sibiu verbracht. Neben dem reichhaltigen Angebot an Restaurants, Cafes und Szenekneipen sei in kulinarischer Hinsicht der Markt am Piaţa Cibin, nordwestlich der Altstadt erwähnt. Wer diesen nicht mit Beuteln voller Obst, Gemüse, Käse, Wurst, Gewürzen und ähnlichem verlässt, ist selbst dran schuld, denn derartiges hat ein in Geschmack und Form normierter, mitteleuropäischer Supermarkt nicht zu bieten. Ebenso ein Erlebnis ist der Besuch einer Vinothek, in der nicht nur die Nachbarschaft zum Feierabendgetränk zusammenkommt, sondern auch der Hauswein mit nach Hause genommen werden kann - in zuvor schnell unter dem Wasserhahn ausgespülten Kunststoffflaschen der Marken "Timisoreana", "Neumarkt" oder "Bergenbier". Das darf sich Mehrwegverpackung nennen!

 

 

 

Die letzten Tage des Urlaubes werden in den Bergen bei Păltiniş sowie auf der Transalpina-Hochgebirgsstraße verbracht. Nahe dem Urdele-Pass wollen wir auf gut 2000m Höhe das Abschiedsessen zubereiten. Um das Auto fegt eisiger Sturm und so gibt es der Einfachheit halber nichts weiter als einen großen Topf Steinpilze mit Nudeln! Nach einer vom Wind gebeutelten Nacht begrüßen uns am Morgen Eisblumen an den Scheiben und wenig später beginnt es zu schneien - höchste Zeit für die Heimreise! Doch bevor "la revedere" zu sagen ist, gilt es noch, die Eingangsfrage zu beantworten: Rumänien? - Haben die da überhaupt was zu essen? - "Und ob!" sagen wir. Von all dem Anderem ganz zu schweigen!